Die Buch-Rezension „Das Halsband der Tauben“ von Raja Alem

Das Halsband der Tauben, Quelle. Unionsverlag
Das Halsband der Tauben, Quelle. Unionsverlag

Um es gleich vorwegzunehmen: Der Roman „Das Halsband der Tauben“ von Raja Alem ist ein facettenreiches und vielschichtiges Buch, das man nicht alle Tage zu lesen bekommt. Es ist eine Reminiszenz an das alte Mekka, in dem die saudische Schriftstellerin aufgewachsen ist, und das es so heute nicht mehr gibt.

Die moderne Welt macht auch vor der altehrwürdigen Geburtsstadt Mohammeds mit dem Heiligtum der Kaaba nicht halt. Die Stadt mit ihren unzähligen Mythen und Legenden ist heutzutage wie jede andere Stadt Schauplatz von Immobilienspekulationen, Erpressung, Korruption und anderen Machenschaften. Einstige heilige Stätten müssen Einkaufszentren und Hotels weichen.

Mord in Mekka

Der Mord an einer unbekannten Frau, die nackt und mit vollkommen entstellten Gesicht eingangs des Romans aufgefunden wird, ist eigentlich nur der Anlass, um tief in das bunte und teilweise recht düstere Leben der Vielkopfgasse einzutauchen. Schon allein der Name der Gasse birgt ein Geheimnis. Bei einer Grabung stieß man auf auf vier Köpfe, die Dieben aus der Scherifenzeit gehörten und abgeschlagen wurden, weil sie die goldbestickte Hülle der Kaaba stahlen. Angeblich waren es ein Jude, ein Christ, ein Pseudoprophet und ein Feueranbeter.
Ungewöhnlich auch die Erzählperspektive, die Autorin lässt im ersten Teil die Gasse erzählen. Inspektor Nassir ermittelt in allen Winkeln und Ecken der Gasse, um die Identität der Toten festzustellen und den Mörder festzusetzen. Die Gasse mit ihren vielen Köpfen kannte die Ermordete, aber die Anwohner weigern sich, Auskunft zu geben. Inspektor Nassir verstrickt sich dabei immer weiter in den Geschichten und Mythen der kleinen Gasse sowie im alltäglichen Ringen der Bewohner im Leben zurecht zukommen.

Zwei Frauenschicksale
Der Ermittler taucht tief in die Lebensgeschichten von zwei vermissten Frauen ein. Gebannt liest er die E-Mail Korrespondenz der verschwundenen Lehrerin Aischa an ihrem deutschen Geliebten David, die ihm ungewöhnlich tiefe Einblicke in ihr Gefühlsleben erlaubt. Der zweiten verschwundenen Frau Asa kommt er durch die aufgefundenen Tagebuchaufzeichnungen des kritischen Zeitungskolumne Jussuf näher, der in sie – wie viele andere Männer auch – verliebt war. Die Gasse verfolgt ihn bis in seine Träume. Nassir schleicht in den Nächten umher, die Gasse zieht ihn immer wieder an und er kann nicht mehr zwischen Wahrheit und Wahnvorstellungen unterscheiden. Der Ermittler verläuft sich im vielschichtigen Labyrinth der Gasse, ohne der Lösung des Falles näher zu kommen.

Das Leben ist eine Baustelle

„Das Halsband der Tauben“ ist ein Roman, der sich aus unzähligen feinen Mosaiksteinen zusammengesetzt, quasi einer modernen Version von Tausendundeiner Nacht. Genauso wortgewaltig und opulent, nur bewahren hier die Geschichten nicht Scheherazade vor dem Tod, sondern das alte Mekka vor dem Vergessen. Maja Alem zeichnet nicht nur ein intensives Porträt der sich wandelnden Stadt, sondern auch der sich wandelnden Gesellschaft. An einer Stelle im Buch heißt es treffend: „Wir alle rennen eigentlich nur von einer Baustelle zur anderen, der wo alles gebaut, und der, wo alles zerstört wird.“ Maja Alem, geboren 1970 in Mekka, erhielt für den Roman „Das Halsband der Tauben“ den renommierten International Prize for Arabic Fiction.

Kurz&Knapp: Absolut lesenswert. Ein literarischer Schatz aus dem Orient, der entdeckt werden will.

Raja Alem
Das Halsband der Tauben
Gebundene Ausgabe, 580 S.
Unionsverlag; 2013

Ich danke dem Unionsverlag für das Rezensionsexemplar.

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