Die Buch-Rezension „Der Sündenfall von Wilmslow“ von David Lagercrantz

Der Sündenfall von Wilmslow, Quelle: Piper
Der Sündenfall von Wilmslow, Quelle: Piper

Der britische Mathematiker Alan Turing wird 1954 in der britischen Kleinstadt Wilmslow tot aufgefunden. Auf dem Küchenherd steht ein Topf mit Kaliumzyanid, in der Luft liegt ein intensiver Geruch von Bittermandeln und auf dem Nachtisch ein halber Apfel, der mit Zyankali getränkt ist. Alles deutet auf einen Selbstmord hin.

Kriminalinspektor Leonard Corell versucht, bei seinen Ermittlungen sich ein Bild von dem brillanten Wissenschaftler zu machen. Turing, half die Enigma-Codes zu entschlüsseln und war einer der Pioniere des Computerzeitalters, seine Verdienste erfuhren aber zu seinen Lebenzeiten keine Würdigung. Corell stöbert in Turings Vergangenheit und entdeckt, dass Turing wegen einer Affäre mit einem 19-Jährigen zu einer einjährigen Hormonbehandlung mit Östrogen verurteilt wurde. Je mehr sich Corell mit dem Leben des Mathematikers beschäftigt, desto mehr setzt er sich mit seinem eigenen Vorurteilen und schließlich auch mit seiner eigenen Lebensgeschichte auseinander. Die Zahlenwelt des Mathematikers fasziniert ihn immer mehr, da er früher selbst eine Vorliebe für Mathematik hatte. Immer mehr beschleichen dem jungen Kriminalisten Zweifel an der Selbstmordtheorie, zumal seine Ermittlungen merkwürdigerweise von höheren Stellen blockiert werden.

„Der Sündenfall von Wilmslow“ ist eine spannende literarische Spurensuche über das Leben des britischen Wissenschaftlers Alan Turing. Er war ein Einzelgänger, verachtete gesellschaftlicher Konventionen und stand offen zu seiner Homosexualität, die damals im konservativen Großbritannien als „grobe Unzucht“ ein Straftatbestand war. Nach seiner Verurteilung hat er die Wahl zwischen Gefängnis und chemischer Kastration. Brisanz erhält die Geschichte, weil Turing während des Krieges und danach Mitarbeiter des Geheimdienstes war. Durch eine Maschine, die die Gruppe um Turing entwickelte, konnte die Enigma-Codes entschlüsselt und die Funksprüche der Deutschen im Zweiten Weltkrieg entziffert werden.

Der schwedische Schriftsteller David Lagercrantz, bekannt als Autor des vierten Teils von Stieg Larssons „Millennium“-Serie mit dem Titel „Verschwörung“, gelingt es, in „Der Sündenfall von Wilmslow“ aus der Erzählperspektive des Kriminalisten Corell historische Fakten und literarische Fiktion auf eindrucksvolle Weise zu verweben, um facettenreich das Leben des genialen Britten lebendig werden zu lassen. Turing war ein „in neuen Bahnen denkender einsamer Sonderling“, der zukunftsweisende Visionen von selbstdenkenden Maschinen entwickelte.

„Der Sündenfall von Wilmslow“ beginnt wie ein Kriminalroman zeichnet dann aber ein immer vielschichtigeres Bild von Alan Turing, dessen Homosexualität in der damaligen Gesellschaft Misstrauen und Feindseligkeiten schürte. Vorbehalte die Corell anfangs teilt, aber immer mehr aufgibt, je tiefer er in Turings Leben eintaucht.

Ein klassischer Krimi ist „Der Sündenfall von Wilmslow“ nicht, Lagercrantz atmosphärisch dichter Roman ist eine faszinierende literarische Lebensbeschreibung eines genialen Wissenschaftlers. Lagercrantz ehrt mit seiner Erzählung nicht nur den Wissenschaftler und sein brillantes Zahlenuniversum, sondern auch den Menschen Turing, der zu Lebzeiten als gesellschaftlicher Außenseiter einen schweren Stand hatte.

Kurz&Knapp: Absolut lesenswert. Eine ungewöhnliche, vielschichtige Hommage über den steinigen Lebensweg eines begnadeten Wissenschaftlers.

David Lagercrantz
Der Sündenfall von Wilmslow
Gebundene Ausgabe, 464 S.
Piper Verlag, 2016

David Lagercrantz, geboren 1962, ist ein anerkannter schwedischer Autor und Journalist, der dokumentargeschichtliche Romane und Biografien über schwedische Erfinder und andere gesellschaftliche Größen verfasste, bevor er sich der Belletristik zugewandte. Deutschen Lesern ist Lagercrantz durch seine Biografie über den Fußballer Zlatan Ibrahimovićs und als Autor des vierten Teils von Stieg Larssons „Millenium“-Serie bekannt. Er ist verheiratet und lebt in Stockholm.

Ich danke dem Piper Verlag für das Rezensionsexemplar.

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