Die Buch-Rezension „Die vielen Leben des Harry August“ von Claire North

Die vielen Leben des Harry August, Quelle: Bastei Lübbe
Die vielen Leben des Harry August, Quelle: Bastei Lübbe

In seinem elften Leben erhält Harry August an seinem Sterbebett Besuch von einem jungen Mädchen. „Der Untergang der Welt steht bevor…Nun kommt es auf Sie an“, flüstert sie ihm ins Ohr. Kann Harry die Welt retten? Er hat einen Verdacht und es beginnt ein fantastisches Katz-und-Maus-Spiel quer durch die Jahrhunderte.

Harry August wird am Neujahrstag 1918 auf einer Damentoilette des Bahnhofs Berwick-up-Tweed als uneheliches Kind eines englischen Gutsherrn geboren. Seine Mutter, ein junges Dienstmädchen verblutet bei der Geburt. So wird er wird vom Gärtner und seiner Frau unweit des Herrenhauses aufgezogen.

Harry August hat schon viele Leben gelebt. Es gibt keinen Beginn und kein Ende, wenn sich das Rad der Zeit dreht. Harry ist ein Kalachakra, eine kleine Gruppe besonderer Menschen. Egal, wie sie sterben, sie werden immer wieder geboren. Genau an demselben Ort und mit denselben Eltern, nur zu unterschiedlichen Zeiten. Und das Besondere, sie erinnern sich in jungen Jahren bereits an seine Erfahrungen aus den bisherigen Leben. Das eröffnet natürlich Möglichkeiten. Man kann sich ausprobieren und das tut Harry dies ausgiebig. Er sammelt Erfahrungen als Arzt, Wissenschaftler, Geschichtsprofessor, Geschäftsmann, freiwilliger Soldat und beschäftigt sich mit Biologie, Physik und der Suche nach Gott. Natürlich bereist er in seinen vielen Leben die unterschiedlichsten Länder. Irgendwann stolpert er über den Cronos Club, eine Vereinigung aller Kalachakras, die Zentren auf der ganzen Welt unterhalten und sich gegenseitig unterstützen. Sie lassen sich über die Jahrhunderte hinweg von Jung zu Alt geheime Botschaften zukommen.

Claire North ist mit „Die vielen Leben des Harry August“ ein außergewöhnlicher Roman gelungen, der sich nicht so leicht in eine Schublade packen lässt. Im Grund erinnert mich die Geschichte um Harry an die amerikanische Filmkomödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“, in der Bill Murray in einer Zeitschleife festsitzt und ein und denselben Tag immer wieder erlebt, bis er als geläuterter Mann sein Leben fortsetzen kann. „Die vielen Leben des Harry August“ geht darüber weit hinaus und spielt mit der buddhistischen Karmalehre. Nach ihr ist das Ziel aller Seelen Erfahrungen zu sammeln und sich dann wieder mit der Alleinheit zu verbinden. Für jede Inkarnation nimmt sich die Seele vor, neue Erfahrungen zu machen, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. North lässt die Seelenwanderung nebeneinander ablaufen, sie spielt mit der Möglichkeit von Paralleluniversen und setzt Zeit und Raum außer Kraft. Im Grund geht es um das Menschliche Dilemma in dieser Welt, warum sich ein Ereignis immer und immer wiederholt?

Der Roman ist die faszinierende Lebensbeichte von Harry August, der sein Leben – seine Leben – über 800 Jahre schonungslos Revue passieren lässt. Anfangs lässt North den Leser im Ungewissen, die Figur des Harry bleibt etwas blass und der Roman springt episodenhaft durch seine zahlreiche Leben hin und her. North lässt auch verschiedene philosophische, wissenschaftliche und historische Themen einfließen, allesamt exquisite Zutaten, die die Handlung aber eher bremsen als beschleunigen. Das Buch lässt sich auf keinen Fall einfach so weglesen, aber North überzeugt mit einem fulminanten Erzählstil, bei dem auch die Ironie nicht zu kurz kommt. Als Harry sich zu seiner Mission aufmacht, die Welt zu retten, gewinnt der Roman auch deutlich an Kontur und Spannung.

Kurz&Knapp: Lesenswert. „Die vielen Leben des Harry August“ ist eine außergewöhnliche Geschichte über Freundschaft und Loyalität sowie Täuschungen, Lügen und Verrat.

Claire North
Die vielen Leben des Harry August
Gebundene Ausgabe, 492 S.
Bastei Lübbe, 2015

Ich danke Bastei Lübbe für das Rezensionsexemplar.

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