Die Biografie-Rezension „Die rote Olivetti“ von Helge Timmerberg

Timmerberg Die rote Olivetti, Quelle: Piper Verlag
Timmerberg Die rote Olivetti, Quelle: Piper Verlag

Helge Timmerberg verspricht nicht zu viel, „Mein ziemlich wildes Leben zwischen Bielefeld, Havanna und dem Himalaya“ lautet der Untertitel seines Buches „Die rote Olivetti“. Der Journalist, literarische Globetrotter und moderne Nomade hat viel erlebt, er berichtet über die Sternstunden und Schattenseiten seines Lebens.

Timmerberg ist ein brillanter moderner Geschichtenerzähler, der mit Vollgas durchs Leben rast. Gleich am Anfang legt er richtig los. London, September 1970 Timmerberg versinkt in einen LSD-Rausch und zwei Häuser weiter stirbt Jimi Hendrix, das Idol aller Hippies. Welche Synchronizität der Ereignisse, egal ob vom Leben geplant oder von Timmerberg. Den Junghippie verschlägt es jedenfalls nach Indien, in einen Ashram. Die Erleuchtung findet er dort nicht, aber seine Berufung. „„Geh nach hause und werde Journalist“, verkündet ihm seine innere Stimme. Zurück in Deutschland macht er ein Volontariat bei der „Neuen Westfälischen Zeitung“ Amüsant zu lesen seine Erinnerungen an seine ersten Schreiberfahrungen als Lokaljournalist in Bielefeld und Minden sowie sein Ausflug in die Gastronomie bei der Eröffnung eines vegetarisches Restaurants. Die Liebe verschlägt ihn anschließend nach Niedersachsen und wieder zum Lokaljournalismus. Eine Geschichte über das Atommülllager Asse 2 ist seine Eintrittskarte in die große Welt des Reportage-Journalismus. Er schreibt für die großen Magazine der 1980er Jahre Stern, Tempo, Wiener, Bunte und Playboy.
Er fährt los, egal wohin und den Redaktionen ist es egal, was für Geschichten er bringt, Hauptsache es knallt. Offen und ungeschminkt erzählt Timmerberg über seine Erfahrungen mit den Chefredakteuren, seine „fürstlichen“ Honorare und seine Schreiberfahrungen. Es war die Zeit, wo es weder Fax, PC und Internet gab – fast unvorstellbar heutzutage. „Immer wenn ich mich an meine rote Olivetti setzte, visualisierte ich erst einmal Folgendes: In dem Schreibmaschinenpapier, das ich einspannt, sah ich einen unbedruckten Tausendmarkschein, und mit jeder Zeile, die ich schrieb, ratterte an der Walze der Blanko-Riese seiner Vervollständigung entgegen. Das half ungemein. Egal, welches Thema ich am Wickel hatte, ob Porno in Deutschland, Aids in Afrika oder ein Porträt über Baden-Baden, die langweiligste Stadt der Welt: Die Vision des direkten Gelddruckens gab jeder Geschichte einen Sinn“. Timmerberg lässt nichts aus, seine goldenen Jahre ermöglichen ihm ein ausschweifendes Leben auf Kuba mit wilden Salsa-Parties in Havanna und Chicas. Alkohol- und Drogenexzesse stürzen ihn immer tiefer in einem zerstörerischen Kreislauf und sorgen schließlich für seinen tiefen Fall. Er findet sich erst auf einer erneuten Indienreise und bei einer Wanderung mit einem Yogi durch den Himalaja wieder.

Atemlos erzählt Timmerberg die Geschichte(n) seines Lebens. Die Jagd nach dem nächsten Adrenalinkick bestimmt nicht selten sein Leben, sondern auch seinen lockeren Schreibstil, der unentwegt zum Weiterlesen antreibt. Gnadenlos kehrt er dabei auch sein Innersten nach außen, mal provokant, mal selbstironisch. Immer bleibt er sich treu – schreibt seine Erlebnisse aus seiner ganz persönlichen Sicht nieder. Er teilt mit dem Leser die wichtigsten Momente seines Lebens, die erfolgreichen und die hässlichen, spannend sind sie alle.

Kurz&Knapp: Absolut lesenswert. Ein schillernder, atemloser Trip durch ein wildes Leben.

Helge Timmerberg
Die rote Olivetti
Gebundene Ausgabe, 240 S.
Piper, 2016

Helge Timmerberg, geboren 1952 im hessischen Dorfitter, ist Journalist und schreibt Reisereportagen aus aller Welt. Er veröffentlicht u. a. in der Süddeutschen Zeitung, der Zeit, Allegra, Stern, Spiegel und Playboy. Er schrieb u. a. die Bücher „Tiger fressen keine Yogis“„Shiva-Moon“ und „In 80 Tagen um die Welt“.

Ich danke dem Piper Verlag für das Rezensionsexemplar.

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