Die Roman-Rezension „Der Jonas-Komplex“ von Thomas Glavinic

Glavinic Jonas Komplex, Quelle: S. Fischer Verlag
Glavinic Jonas Komplex, Quelle: S. Fischer Verlag

„Der Jonas-Komplex“ von Thomas Glavinic ist ein furioser Gegenwartsroman, vielsichtig, komisch, schonungslos, voller Abgründe und voller Träume, wie das pralle Leben selbst. Man kann vom Lesen gar nicht genug bekommen.

„Wer wir sind, wissen wir nicht“, beginnt der Roman „Der Jonas-Komplex“. „Beim letzten Durchzählen kam ich auf mindestens drei Personen, die jeder von uns ist. Erstens die, die er ist, zweitens die, die er zu sein glaubt, und drittens die, für die ihn die anderen halten sollen. Als ich aufwache, geht es mir so elend, dass ich mit keinem der drei etwas zu tun haben will.“

In seinem neuen Roman „Der Jonas-Komplex“ vereint der österreichische Autor Thomas Glavinic drei Handlungsstränge. Ein namenloser Wiener Schriftsteller erzählt von seinem wilden Leben zwischen Lesereisen, Buchpremieren, Alkohol, Tabletten, Koks, Sex und einigen Monaten als Writer in Residence in Carlisle, Pennsylvania. Er versinkt in Exzesse, wirkt gehetzt und getrieben, fühlt sich nirgends richtig wohl, schon gar nicht bei sich selbst. Die glücklichsten Momente erlebt er, wenn er mit seinem Kind zusammen ist, das vorwiegend bei seiner Ex-Frau lebt.

Jonas, die zweite Figur, dagegen wirkt wie eine Traumgestalt. Er verfügt über unbegrenzte finanzielle Mittel, die ihm jeden Wunsch verwirklichen lassen. Er jettet um die Welt und beauftragt seinen durchgeknallten japanischen Anwalt Tanaka, ihn an den entlegensten Orten auf dem Erdball aussetzen zu lassen. Er will in der Welt verloren gehen, um zu sich selbst zurückzufinden. Vor die größte Herausforderung stellt ihn allerdings seine Freundin Marie, eine unternehmungslustige Neurochirurgin. Sie wünscht sich eine Expedition in die Antarktis. Ohne Training und Vorbereitung möchte sie nur mit ihm durch 400 Kilometer Packeis zum Südpol zu Fuß marschieren.

Im dritten Handlungsstrang begegnet der Leser einen 13-jährigen Jungen aus der Weststeiermark. Er ist hochbegabt, aber einsam und tief unglücklich. In der Schule ist er ein Außenseiter und von seiner alkoholkranken Ziehmutter Uriella wird er sexuell missbraucht. Die meiste Zeit tröstet er sich mit Milchbrot und taucht tief in die Welt der Bücher und des Schachspiels ein. Momente der Geborgenheit erlebt er nur bei seiner Oma Suux. „Eigentlich fürchte ich mich vor fast allem. Ich fürchte mich vor Menschen ebenso wie vor Hunden, vor schlechten Noten ebenso wie vor einem Fahrradunfall, vor Gespenstern, vor Einsamkeit, vor Strafen und Blamagen, und weil ich mich eben nicht blamieren will, scheue ich Risiken … Ich bin so. Überall sehe ich die Gefahr, nicht die Chance. Ich habe gelesen, das nennt man den Jonas-Komplex.“

Suche nach der eigenen Identität

Der 750 Seiten starke Roman des Österreichers Glavinic hat es wahrlich in sich. In einem kraftvoll-vitalen Schreibstil nähert er sich den menschlichen Grundthemen Liebe, Angst und Einsamkeit, dazu gesellen sich Sehnsüchte, Trieb und Zweifel. Die drei Protagonisten sind auf der Suche nach ihrer Identität. „Und weil ich gemerkt habe, wie viel Angst wir alle davor haben, von einer Norm abzuweichen. Deswegen bemühen wir uns, ein Leben zu führen, das den anderen möglichst ähnelt. Auch um Gefahren zu vermeiden“, äußert sich Jonas. Es ist die ständige Suche nach Zufriedenheit, Glück und Erfüllung im Äußeren. Es geht dabei auch um die Fragen: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wie werden wir sein?“. Glavinic geht diesen Fragen auf seine persönliche Art nach und erzählt aus dem Leben des Kindes, des Schriftstellers und des vermögenden Jonas, die im Grunde die gleiche Person sind.

Zwischendurch reflektiert der Schriftsteller im Roman über das Leben im Allgemeinen zwischen metaphysischer Sehnsucht und existenzieller Verzweiflung. Die wichtigsten Ereignisse des Jahres 2015, in dem der Roman spielt, spiegeln ihm auch nur die Zerrissenheit der Welt, die er in sich selbst verspürt. Flüchtlinge, Gewalt, Terrorismus, die Germanwings-Katastrophe in den Alpen und der Tod von Günter Grass dominieren die Schlagzeilen. „Ein berühmter Schriftsteller ist gestorben. Auf Facebook stapeln sich die RIP-Meldungen. Der Schwarm bekundet seine Trauer. Als hätte irgendeiner von denen in den letzten zehn Jahren ein Buch von ihm gelesen. Warum tun alle so, als ob ihr eigener Großvater gestorben wäre? Die Hälfte meiner Facebook-Kontakte sind absolute Idioten“, kommentiert er den modernen Betroffenheitskult in den sozialen Netzwerken. Nicht besser verhält es sich mit den Menschen, denen er begegnet. Sie entstammen fast allesamt einem menschlichen Kuriositätenkabinett, sei es das Pornopärchen aus dem Burgenland, der Hell’s-Angels-Anwalt, der Wing-Tsun-Kampfsportler oder die schöne Esti, eine inhaftierte Doppelmörderin, die ihre Liebhaber mit der Kettensäge zerlegte. Allesamt keine strahlenden Lebensvorbilder.

Und wohin führt diese Sinnsuche dann? Das muss jeder für sich selber herausfinden. Das Buch „Der Jonas-Komplex“ lädt den Leser dazu ein, sich genau diese Fragen zu stellen. Als Anregung mag dazu dienen, was Jonas darüber denkt. „Jede Sekunde war ein Lebewesen. Jede Sekunde lebte für sich in ihrer eigenen Ewigkeit. Jede Sekunde ließ Herzen brechen, Menschen aus Menschen schlüpfen, Bomben explodieren, Schokoriegel schmelzen, Sätze enden, ein Haar zu Boden fallen, und all das gehörte dieser Sekunde für immer. Gott könnte jeder Sekunde einen Namen geben.“

Kurz&Knapp: Absolut lesenswert. Ein mitreißender, ausschweifender Gegenwartsroman über die Suche nach dem wahren Ich.

Thomas Glavinic
Der Jonas-Komplex
Gebundene Ausgabe, 752 S.
auch als E-book erhältlich
S. Fischer Verlag, 2016

Thomas Glavinic wurde 1972 in Graz geboren. Sein erster Roman „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ erschien 1998. Danach folgten u.a. die Romane „Der Kameramörder“, „Wie man leben soll“ und „Die Arbeit der Nacht“. „Das bin doch ich“. Zuletzt erschien der Roman „Das größere Wunder“. Zahlreiche seiner Romane wurden für die Bühne adaptiert und verfilmt. Seine Werke sind in 20 Sprachen übersetzt. Thomas Glavinic lebt in Wien und Rom.

Ich danke dem S. Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.

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