Die Roman-Rezension „Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen“ von Frank Schulz

Schulz Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen, Quelle: Galiani Verlag
Schulz Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen, Quelle: Galiani Verlag

Der Hamburger Autor Frank Schulz schickt in seinem neuen Roman den Lebenskünstler und Antihelden Onno Viets auf Mittelmeerkreuzfahrt, die natürlich nicht ohne Turbulenzen abgeht und einen unerwarteten Ausgang nimmt. „Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen“ ist eine groteske Geschichte voller schräger Bilder und humorvoller sprachlicher Kapriolen.

„Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen“ ist eine vertrakte und urkomische Geschichte, bei der eine amüsante Mittelmeerkreuzfahrt im Mittelpunkt steht. Der extravagante Künstler Donald Maria Jochemsen hat einen Trip auf dem Clubschiff Flipper IV gebucht. Er will seine Angebetete Kristin Luise überraschen, mit der er seit Monaten eine Mail- und SMS-Beziehung führt und die als Sängerin und Tänzerin auf dem schwimmenden Hotel engagiert ist. Onno soll als Leibwächter für seinen einstigen Trinkgenossen Donald arbeiten. Den Job hat ihm sein langjähriger Freund, der Ich-Erzähler Christopher „Stoffel“ Dannewitz, vermittelt.

Onno und Donald sind ein ungleiches Pärchen, das nicht ungleicher sein kann. Onno, selbst ernannter Privatdetektiv, dessen posttraumatische Belastungsstörung sich zur Lebens- und Ehekrise ausgeweitet hat, ist für seine Wortkargheit berüchtigt. Dagegen scheint der Redeschwall seines Vetter Donald nie zu versiegen. Zudem leidet er unter zahlreichen Angstneurosen und schluckt fleißig Pillen. „Angesichts seiner knappt 55 Lebensjahre war Vetter Donalds vorherrschendes Lebensgefühl Überdruss. In den vergangenen fünf Dekaden hatte er sich 18.250mal ein Paar Socken angezogen, 584.000 Zigaretten geraucht und 10.000.000 mal ich geraunt. Es hing ihm zum Hals heraus, zum faltigen Truthahnhals meilenweit heraus hing es ihm.“

Onno genießt die Vorzüge des komfortablen Lebens an Bord, den guten Service, das leckere Essen und immer gibt es für ihn, etwas zu schauen. „Onnos Großmut war so groß, dass ihm – gab es denn einmal Anlass zu peinlicher Berührtheit – diese peinlich war, diese eigene peinliche Berühmtheit peinlich war.“ Vetter Donald dagegen bezeichnet das Schiff als „falscher Dampfer“ und „Seelenverkäufer“. „Insbesondere die Mitreisenden machten ihn zu schaffen. „Fratzen“ schimpfte er sie, „weiche Ziele“, „Klatsch- und Stimmvieh“, „Subjekte“, „Zivilisten“, „Verbraucher“. Er verfluchte ihre „Dutzendgesichter mit Standardfrisuren“ und beklagte ihre „Klamotten aus den Ketten in den Fußgängerzonen“ und so weiter, und so fort …“.

Donald hofft, an Bord seiner Angebeteten Kristin Luise näherzukommen, Onno dagegen entfernt sich nicht nur geografisch immer weiter von seiner Ehefrau Edda…

Schulz erzählt eine irrwitzig komische Geschichte, die am Ende eine unerwartete Wendung nimmt und reichlich an Hintersinn birgt. Die vordergründig lustige Geschichte entpuppt sich schließlich als eine tragikkomische Geschichte über Freundschaft, Liebe, Verrat und Verzweiflung.

Der hanseatische Autor ist ein wahrer Meister der Sprachkomik. Er brennt ein wahres Feuerwerk der unterschiedlichen Spielarten ab, da finden sich derbe Scherze, miese Kalauer, dadaistische Lautmalerei, feine Ironie und freche Gesellschaftssatire gepaart mit einem gehörigen Schuss Spott und Übertreibung. Zwischen den Kapiteln sind kurze Sketche in platt und hochdeutsch eingestreut, die Donald unter seinem Pseudonym DJ Sacknaht veröffentlicht hat. In der modernen und vulgären Bearbeitung der althamburgischen Kasperszenen begegnet dem Leser neben Kasper, Gretel, Hexe und Krokodil auch ein schwuler Polizist, den Luden von Buxtehude, Zycho und Dart Vadder.

Kurz&Knapp: Lesenswert. Eine skurrile Geschichte mit einer gehörigen Portion Hintersinn und Tiefgang.

Frank Schulz
Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen
Roman
Gebundene Ausgabe, 336 S.
Galiani-Berlin, 2015

Frank Schulz, Jahrgang 1957, lebt als freier Schriftsteller in Hamburg. Für seine Romane wurde er vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Hubert-Fichte-Preis (2004), dem Irmgard-Heilmann-Preis (2006) und dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor (2015). 2012 erschien bereits „Onno Viets und der Irre vom Kiez“.

Ich danke dem Galiani Verlag für das Rezensionsexemplar.

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