Die Buch-Rezension „Willkommen in Night Vale“ von Joseph Fink und Jeffrey Cranor

fink Cranor Willkommen in Night Vale, Quelle: Klett-Cotta
fink Cranor Willkommen in Night Vale, Quelle: Klett-Cotta

Vorsicht!!! Dieses Buch ist vollkommen anders als andere Bücher. Im Roman „Willkommen in Night Vale“ von Joseph Fink und Jeffrey Cranor scheint nichts so zu sein wie es ist. Der alltägliche Wahnsinn und das Absurde haben hier mehr als Methode.

Night Vale ist ein Städtchen irgendwo in der Weite des amerikanischen Südwestens. „Es ist eine freundliche Wüstenstadt, die Sonne ist heiß hier, der Mond wunderschön, und seltsame Lichter ziehen über den Himmel, während wir alle so tun, als würden wir schlafen.“ Auf den ersten Blick ist es eine normale Stadt wie jede andere. Es gibt einen Supermarkt, das All-Nite Diner und den Arcade Fun Complex mit Kegelbahn, doch die Stadt wird neben den Bewohnern auch bevölkert von Geistern, Monstern, Engeln (die es eigentlich nicht geben darf) und einem Haus (das denkt) sowie Weizen- und Weizen-Nebenprodukte, die sich in Schlangen verwandeln. Und dann ist da noch der lokale Sender Radio Night Vale. Der Moderator Cecil Palmer spricht täglich über die Schrecken des Alltags, die Tragödien des Lebens, unheimliche Verschwörungen und sonderbare Dinge, die im Schatten lauern.

Auf der Suche nach King City

Die 19-Jährige Jackie Fierro, die einfach nicht älter wird, betreibt ein Pfandhaus, in dem die Bewohner alles Mögliche verpfänden: ein Auto, billige Plastikflamingos oder eine Träne. Jeder Tag ist für sie wie jeder andere, bis ein merkwürdiger Mann mit hellbraunem Jackett und einem Koffer aus Hirschleder das Geschäft betritt. Er legte einen schmalen Papierstreifen, auf dem mit Bleistift die Worte „KING CITY“ stehen, auf den Tresen. Jackie gibt ihm dafür dreißig Dollar, obwohl sie normalerweise 11 Dollar oder eine Gegenleistung für jeden Gegenstand bietet. Nachdem der Mann das Pfandhaus verlassen hat, läuft er hinaus in der Wüste und verschwindet plötzlich. Jackie versucht den schmalen Papierstreifen, der ihr bald an der Hand klebt nicht mehr los. Sie legt ihn in eine Schublade, zerreißt ihn, verbrennt ihn und isst ihn sogar auf, aber nichts davon hilft. Im nächsten Augenblick klebt er wieder an ihrer Hand. Wie sich herausstellt, ist sie nicht die Einzige in der Stadt, die den Zettel bekommen hat.
Außerdem lernen wir noch Diane Crayton kennen. Sie hat es als alleinerziehende Mutter mit ihrem fünfzehnjähren Sohn Josh nicht leicht und dies liegt nicht nur daran, dass er ständig seine Gestalt wechselt. Das Schicksal will es, dass sich die beiden Frauen gemeinsam auf die Suche machen, um das Rätsel von „King City“ zu lösen. Um mehr über die mysteriöse Stadt zu erfahren, begeben sie sich in die Bibliothek, die allerdings ein sehr gefährlicher Ort ist …

Absurd und skurril

Joseph Fink und Jeffrey Cranor ist mit „Willkommen in Night Vale“ eine wundersame, fantastische, abgefahrene, gespenstische Geschichte gelungen, die die Absurditäten des Alltags aufzeigt. Vielleicht ist das Banale, doch nicht so banal, denn schnell kann es ins Gegenteil kippen. Jackies Leben besteht aus Routine, sie altert nicht und hat immer den gleichen Tagesablauf. Auch die Probleme, die Diane mit ihrem Sohn hat, sind eigentlich ganz normal.
Alles kommt halt auf die Betrachtungsweise an und die beiden Autoren haben eine ungewöhnliche Sicht auf die ganz normalen Dinge des Lebens. Fink und Cranor haben einfach eine skurrile und absurde Brille auf, wobei die Absurdität aufs Äußerste übersteigert wird. Bei dem amüsanten Lesespaß kommen aber auch ernsthafte Lebensweisheiten nicht zu kurz. Kleine Kostproben gefälligst:
Das Leben eines Menschen ist bloß das, was er tut.
Manche Leute halten ihr Haus dermaßen in Ordnung, dass sich kein Lebenszeichen darin mehr findet.
Wir haben fast immer die gleichen Probleme wie alle anderen auch und geben vor, dass wir sie nicht haben, sodass jeder von uns glaubt, er wäre allein.
Die Erinnerung ist ein schwaches menschliches Konstrukt, das im Großen Plan keinerlei Rolle spielt.

Eigenes Universum

„Willkommen in Night Vale“ basiert auf einer erfolgreichen Podcast-Serie, die in den Staaten bereits Kultstatus erreicht hat. Mit „Willkommen in Night Vale“ haben Joseph Fink und Jeffrey Cranor ein komplett neues literarisches Universum erschaffen, menschlich und doch zu gleich geisterhaft, aber nie gruselig. Die Autoren spielen mit dem Alltäglichen, aber auch mit Verschwörungstheorien und brennende gesellschaftliche Themen wie dem Big-Brother-Staat.
Der Roman ist voller Widersprüche, aber das ist volle Absicht. Fink und Cranor halten uns den Spiegel vor. Night Vale und seine ungewöhnlichen Bewohner sind anders, aber vielleicht sind ihre Geschichten deshalb realer als uns lieb ist.
Wer sich auf „Willkommen in Night Vale“ unvoreingenommen einlässt, wird mit viel Lesespaß und einen „frischen“ Blick auf den Alltag bzw. die Realität belohnt.

Kurz&Knapp: Absolut lesenswert. Eine absurde, unterhaltsame Geschichte voller verrückter Ideen.

Joseph Fink und Jeffrey Cranor
Willkommen in Night Vale
Gebundene Ausgabe, 378 S.
Klett-Cott, 2016

Auch als E-Book erhältlich.

Joseph Fink und Jeffrey Cranor, die Autoren des Kult-Podcasts „Welcome to Night Vale“ und der gleichnamigen Live-Tour, arbeiten schon seit Jahren erfolgreich zusammen. Jeffrey Cranor lebt im Staat New York. Joseph Fink stammt ursprünglich aus Kalifornien, lebt heute jedoch woanders.

Ich danke Hobbit Presse Klett Cotta für das Rezensionsexemplar.

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