Die Buch-Rezension „Teryky“ von Juri Rytchëu

Rytchëu Terryky, Quelle: Unionsverlag
Rytchëu Terryky, Quelle: Unionsverlag

„Teryky“ ist eine wundervolle mitreißende Liebesgeschichte. Juri Rytchëu verbindet in seiner märchenhaften Erzählung das Schicksal des Polarjägers Goigio und seiner Liebsten Tin-Tin eindrucksvoll mit der urwüchsigen Lebens- und Sagenwelt der sibirischen Ureinwohner, die in der rauen, eiskalten Umgebung am Rande des Polareises leben.

„Goigoi stieg von der Eisscholle, schnalle sich die Schneeschuhe an und wandte sich zum Meer, das blau aus der Ferne leuchtete.“ So beginnt die wundervolle Erzählung „Teryky“ von Juri Rytchëu. Goigoi und Tin-Tin sind frisch verliebt und haben kürzlich geheiratet. Der Polarjäger ist der jüngste von drei Brüdern, die in einer kleinen Küstensiedlung „am äußersten Rand der weiten Welt“ leben. Es ist ein karges, schlichtes und hartes Leben am Rande des ewigen Eises. Die Jagd nach Robben, Seehunden und Walrosse dient ihnen als Lebensgrundlage und bestimmt ihr Leben.

Auf Frühlingsjagd

An einem langen Frühlingstag, der „eine Ahnung von der Wärme des nahenden Sommers, von frostfreier Erde mit weichem grünem Gras und leuchtenden Blumen“ brachte, geht Goigoi auf die Jagd und ist versunken in süßen Tagträumen an seine Liebste. Plötzlich gerät er in einen heftigen Wetterumschwung und findet sich auf einer Eisscholle wieder, die sich von der Küste löst und aufs offene Meer hinaustreibt.

In der kleinen Siedlung sehnt Tin-Tin sich nach Goigois Rückkehr und hält Ausschau nach ihm. Ihre Unruhe im Herzen wächst und sie starrt zu den Eisblöcken bis ihre Augen schmerzen und ihr die Tränen kommen. Argwöhnisch beobachtet wird sie von Piny, der neidisch auf das junge Liebesglück seines Bruder Goigoi ist. Heimlich begehrt er Piny, da er mit seiner inzwischen gealterten Gattin kinderlos geblieben ist. Auch Goigois anderer Bruder Këu macht sich Sorgen. Er erinnert sich an eine alte Legende der Robbenjäger, nach der Menschen, die auf einer Eisschollen davon getragen werden, sich in einen Teryky verwandeln. Nähert sich dieses fellbewachsene Ungeheuer einer Siedlung, töten es die Menschen.

Auf der Eisscholle treibend

Die Erzählung schildert lebendig Gogois wochenlangen Kampf ums nackte Überleben auf der dahintreibenden Eisscholle. „Ihm blieb nur, um jeden Augenblick Leben zu kämpfen oder aber sich mit seinem Schicksal abzufinden und ergeben aufs Ende zu warten. Was konnte er schon tun, so einsam inmitten der gleichgültigen Natur?“ Bald halten seine beiden Brüder seine Rückkehr für immer unwahrscheinlicher. Wird das Familienoberhaupt Këu Goigoi für Tod erklären und Tin-Tin seinem Bruder Piny als Zweitfrau zu sprechen. Wie lange kann Tin-Tin trotz aller Widrigkeiten ihre Hoffnung bewahren, dass sie ihren geliebten Gogoi wiedersehen wird. Und was ist mit der Sage über den Teryky, wird sie sich bewahrheiten?

Raue Natur

„Teryky“ ist eine wundervolle mitreißende Liebesgeschichte, die tief in die Lebens- und Sagenwelt der Tschuktschen eintaucht. Die sibirischen Ureinwohner, dessen Küstenbewohner am Rande des Nordpolarmeeres und der Beringstraße leben, müssen sich in einem sehr rauen Klima zurechtfinden. Im Winter herrschen bis zu minus 40 Grad, und im Sommer steigen die Temperaturen selten über plus 10 Grad Celsius. Die wichtigste Nahrungsmittelquelle war der Fischfang. Im Frühjahr jagen sie Ringelrobben und Robben, im Sommer und im Herbst – Walrosse und Wale. Rytchëu erzählt vom einfachen und harten alltäglichen Leben. Die Männer gehen auf Fischfang und das Leben der Frauen beschränkt sich rund die Jaranga, dem traditionellen Rundzelt, in dessen Mitte die Feuerstelle die einzige Wärmequelle ist.

Gefühle – Elixier des Lebens

Die Menschen am Rande des Polarmeeres leben in einer engen Beziehung zur Natur, nur so können sie dort überhaupt existieren. Rytchëu zeichnet eine raue, eiskalte Welt, in der die Gefühle nur um so intensiver zu gedeihen scheinen. „Teryky“ handelt von hartem Kampf ums nackte Überleben und natürlich von Liebe, Begehren, Hoffnung, Rivalität, Neid und Eifersucht. Gefühle funkeln intensiv wie glitzernde Eiskristalle und sind das wahre Elixier des Lebens, ob am Rande der Welt oder anderswo. Rytchëu gelingt es, die raue Naturschönheit und die Intensität der Gefühle in einer bezaubernden Erzählung zu vereinen, die ganz tief im Herzen berührt.

Kurz&Knapp: Absolut lesenswert. Eine mitreißende Liebesgeschichte aus der rauen Welt am Rande des ewigen Eises.

Juri Rytchëu
Teryky
Erzählung
Aus dem Russischen von Waltraud Ahrndt
Leinen (Hardcover), 160 S.
Unionsverlag, 2016

Auch als E-Book erhältlich.

Juri Rytchëu (1930 – 2008) als Sohn eines Jägers in der Siedlung Uëlen auf der Tschuktschenhalbinsel im Nordosten Sibiriens, war der erste Schriftsteller dieses nur zwölftausend Menschen zählenden Volkes. Mit seinen Romanen und Erzählungen wurde er zu einem berufenen Zeugen einer bedrohten Kultur.

Ich danke Unionsverlag für das Rezensionsexemplar.

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