Die Roman-Rezension „Die Spionin“ von Paulo Coelho

Coelho Die Spionin, Quelle: Diogenes
Coelho Die Spionin, Quelle: Diogenes

Mata Hari war eine schillernde Persönlichkeit ihrer Zeit, dessen Mythos als „schönste Meisterspionin aller Zeiten“ bis heute fasziniert. Paulo Coelho erzählt in seinem Roman „Die Spionin“ die bewegende Lebensgeschichte von Margarethe Zelle, die als verführerische Tänzerin und vermeintliche Spionin Mata Hari zu Weltruhm gelangte.

Während Mata Hari 1917 zum Tode verurteilt im Frauengefängnis Saint-Lazare in Paris einsitzt, lässt Coelho sie selbst einen Brief schreiben, in dem sie ihr Leben Revue passieren lässt. Bestimmt ist er für ihre Tochter Nonnie, die ihn aber nur erhalten sollen, wenn ihrem Gnadengesuch nicht entsprochen wird.

Eine Frau erfindet sich neu

Margarethe Zelle, geboren 7. August 1876 in Leeuwarden, wächst in der holländischen Provinz auf. Sie heiratet mit 19 Jahren einen älteren Kolonialoffizier und geht mit ihrem Mann nach Indonesien, dem damaligen Niederländisch-Ostindien. Dort erlebt sie in dem „Paradies“ ihre „persönliche Hölle“. Ihr handgreiflicher Ehemann trinkt, demütigt sie und geht fremd. Zurück in Holland lässt sie ihre Vergangenheit hinter sich und reist 1903 nach Paris, das damals als europäisches Zentrum der Kunst und des Vergnügens galt. Sie ist fast mittellos und hat nur eine sehr wage Vorstellung, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten kann.

Als Mata Hari legt sie sich nicht nur eine neue Biografie zu, sondern erfindet sich als exotische Tänzerin, Künstlerin und Femme fatale neu. In Paris „konnte sie ausleben, was erlaubt und was Sünde war“. Sie genießt ein unabhängiges Leben in Luxus und verdreht mächtigen und einflussreichen Männern den Kopf, was ihr vermutlich zum Verhängnis wurde. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, lässt sie sich auf ein gefährliches Doppelspiel ein und wird als Spionin des Hochverrats angeklagt. In den Morgenstunden des 15. Oktober 1917 wurde Mata Hari von einem zwölfköpfigen Exekutionskommando erschossen, die obligatorische Augenbinde verweigerte sie.

Spiel mit Fiktion und Realität

Coelho erzählt wahrlich Geschichten, die bewegen und ihren eigenen Zauber innehaben, dies beweist er auch mit „Die Spionin“. Er beschreibt episodenhaft das Leben einer Frau, die aus den gesellschaftlichen Konventionen ausbricht und in einer von Männern beherrschten Welt das Leben einer emanzipierten, unabhängigen Frau lebt. „Ich bin eine Frau, die im falschen Jahrhundert geboren wurde.“

Äußerlich war sie eine attraktive und verführerische Frau, die mutig ihr selbstbestimmtes Leben führte und dafür den Preis bezahlte. „Die Spionin“ wäre aber kein Roman von Coelho, würde er nicht auch die inneren Tiefen und Motive von Mata Hari ausleuchten. Tief in ihrem Herzen ist eine einsame Frau, die verzweifelt versucht, ihrem Schmerz zu entkommen. Das jähe Ende ihrer vollbehüteten Kindheit durch den Bankrott des Vaters, der Missbrauch in der Schule, eine tragische Ehe und schließlich der Verlust ihrer Kinder rissen tiefe seelische Wunden in ihr.

In „Die Spionin“ mischt Coelho fiktive Gedanken mit wahren Begebenheiten und schafft damit ein sehr persönliches Bild von Mata Hari. Neben den langen fiktiven Brief von ihr beinhaltet das Buch noch alte Fotografien und Aktennotizen, einen Zeitungsartikel von der Hinrichtung sowie einen fiktiven Brief ihres Anwalts. Coelho sieht Mata Hari als eine der ersten Frauen des 20. Jahrhunderts, die von Männern des 19. Jahrhunderts hingerichtet wurde.

Mata Hari, eine wahre Kriegerin

Auf den ersten Blick kein die Lebensgeschichte von Mata Hari ein ungewöhnlicher Stoff für Coelho zu sein, doch wie all seine Bücher hat auch diese Erzählung einen tiefgründigen Kern. Und an welcher Erkenntnis möchte er den Leser teilhaben lassen? Stärker ist als die Vorstellungen von richtig und falsch ist die Liebe, die umfassende Liebe des Seins. „Doch was heute geschieht, geschah auch schon gestern und wird morgen wieder geschehen und bis ans Ende der Zeit – es sei denn der Mensch begreift, dass nicht nur wichtig ist, was er denkt, sondern vor allem, was er fühlt“, lässt Coelho Mata Haris Anwalt in seinem Brief schreiben.

„Die Spionin“ ist eine Aufforderung, mutig seinen eigenen Weg zu gehen abseits aller Konventionen. Mata Hari war eine Frau, die sich couragiert dem Unbekannten aussetze, ohne zu wissen, wie der nächste Schritt aussah. Mata Hari beklagte sich nie und blieb auch nicht stehen. Sie war eine Kriegerin, „die sich ohne Bitterkeit jedem ihrer Kämpfe gestellt hatte“, einzig mit der Wahrheit nahm sie es nicht so genau.

Absolut lesenswert. Ein inspirierender Roman über eine ungewöhnliche Frau, die sich neu erfand und mutig ihren eignen Weg ging.

Paulo Coelho
Die Spionin
Hardcover Leinen, 192 S.
Diogenes, 2016

Paulo Coelho, geboren 1947 in Rio de Janeiro, lebt heute mit seiner Frau Christina Oiticica in Genf. Alle seine Romane, insbesondere „Der Alchimist“, „Veronika beschließt zu sterben“, „Elf Minuten“ und zuletzt „Untreue“, sind Weltbestseller, wurden in 81 Sprachen übersetzt und erreichten eine bisherige Weltauflage von über 210 Millionen Exemplaren. Seine Reflexionen und die Themen seiner Bücher regen weltweit Leser zum Nachdenken an und dazu, ihren eigenen Weg zu suchen.

Ich danke Diogenes für das Rezensionsexemplar.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Die Roman-Rezension „Die Spionin“ von Paulo Coelho

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s