Die Roman-Rezension „Tief im Land“ von Neil Ansell

Ansell Tief im Land, Quelle: Allegria
Ansell Tief im Land, Quelle: Allegria

Um Natur in ihrer Ursprünglichkeit zu erleben, einfach innezuhalten und nur mit sich selbst zu sein, muss man nicht weit reisen. Der Walliser Autor Neil Ansell schildert eindrucksvoll in „Tief im Land“ seine Erfahrungen mit einem einfachen Leben inmitten der Wälder seines Heimatlandes.

Neil Ansell lebte fünf Jahre allein in einem halb verfallenen Cottage ohne Strom, Gas und fließendes Wasser in den Hügeln von Wales. Die Cambrian Mountains sind eine fast unberührte, offene Wildnis im tiefsten Herzen des Landes und über die unbewohnten Gebirgszüge gibt es nur wenige Straßen. “Pelan war ohne Rücksicht auf Komfort seiner Bewohner auf einem so hohen und exponierten Hügelkamm errichtet worden, dass sich der Horizont wie die Panoramasicht über achtzig Kilometer oder mehr von Osten nach Westen erstreckte. Es thronte über der Welt.“

Inmitten der Natur

Ansell führt ein Leben ohne Telefon, ohne Transportmittel und begegnete wochenlang keiner anderen Menschenseele. Er beschreibt die Landschaft und Tierwelt um ihn herum. Besonders fasziniert ist er von der Vielfalt der Vogelwelt. Die Sperber versinnbildlichen für ihn die Wildnis, die er suchte und er wollte sie näher kennenlernen. „Aus ihren flammenden Augen blitzt Wildheit, sie leben das Leben in einer anderen Geschwindigkeit als der Rest der Welt. Sie scheinen nie zu rasten, nicht einmal für einen Augenblick.“

Er führt ein einfaches Leben, frei von gesellschaftlichen und beruflichen Verpflichtungen, er folgt dem Rhythmus der Natur anstatt den Anforderungen und Erwartungen anderer Menschen. Im Laufe der Zeit lernt er, sich nur mit seiner eigenen Gesellschaft wohlzufühlen. „Das allerdings kam nicht dadurch zustande, dass ich immer tiefer in mich drang, sondern dadurch, dass ich mich selbst vergaß. Ich vergaß, dass ich da war.“ Er wird zu einem Teil der Landschaft und verschmilzt immer mehr mit seiner Umgebung.

Im Wandel der Jahreszeiten

Ansell sucht allerdings nicht das „living is easy“, sondern ein authentisches Leben, das auch besonders im Winter seine harten Seiten hat. „Ich vermisste zwar die Freiheit des umherzustreifen, die der Sommer mit sich brachte, doch ein Teil von mir genoss auch die Strenge, die Nüchternheit und Entbehrungen des Winters.“ Im Winter schrumpft seine Welt, er ist fast sechs Wochen eingeschneit. Er genießt die Erfahrung, von der Welt abgeschnitten zu sein. Jede Jahreszeit hat für ihn seinen ganz besonderen Reiz.

„Tief im Land“ vermittelt dem Leser eindrucksvoll, dass es keine weitentfernte endlose Wildnis in der Ferne braucht, um zu erleben, wie es ist, mit sich selbst zu sein. Nein, die Wildnis ist überall. Jeder trägt sie in sich, es gilt sich auf sie einzulassen, sie zu entdecken. Zwischen all dem Unkraut und Gestrüpp, das sich angesammelt hat, wartet das große Glück, in der Stille den inneren Frieden tief in sich selbst zu empfinden. Neil Ansell führt den Leser leichtfüßig dorthin. Der fast meditative Schreibstil erlaubt es den Leser tief einzutauchen in eine faszinierende Welt, die bestimmt ist von den Jahreszeiten, vom Werden und Vergehen der Natur, von dem der Mensch genauso ein Teil ist wie die Pflanzen und Tiere. Amsell hat eine besondere Gabe, er zeigt auf, wie einfach und schön das Leben in seiner Ursprünglichkeit sein kann, und macht deutlich, dass wir im Multimediazeitalter häufig ein Leben aus der Konserve führen. Das authentische Erleben, das Spüren und Fühlen bleibt immer mehr auf der Strecke und die Sinne verkümmern.

Kurz&Knapp: „Tief im Land“ ist ein Buch voller wundervoller Landschafts- und Tierbeschreibungen – entspannend, authentisch und anrührend.

Neil Ansell
Tief im Land
Hardcover, 272 S.
Allegria, 2016

Auch als eBook erhältlich

Neil Ansell ist ein mit Preisen ausgezeichneter britischer Fernsehjournalist der BBC und schreibt für verschiedene Zeitungen wie Guardian und New Statesman. Er hat über 50 Länder bereist, bevor er sich für fünf Jahre in ein abgelegenes Cottage in Wales zurückzog. In England wurde sein Buch Tief im Land zweifach für literarische Auszeichnungen nominiert. Er lebt heute mit seiner Familie in Brighton, England.

Ich danke Allegria für das Rezensionsexemplar.

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