Die Buch-Rezension „Ministerium für öffentliche Erregung“ von Amanda Lee Koe

Koe Ministerium, Quelle: CulturBooks Verlag
Koe Ministerium, Quelle: CulturBooks Verlag

16 eindrucksvolle und eindringliche Kurzgeschichten aus Singapur, die von der Liebe und dem Leben unterschiedlicher Frauen handeln, vereint die preisgekrönte Kurzgeschichtensammlung „Ministerium für öffentliche Erregung“ von Amanda Lee Koe.

Amanda Lee Koe schreibt moderne Geschichten, die die Brüchigkeit der Welt und des Lebens auf eindrucksvolle Weise widerspiegeln. Ihre Kurzgeschichte erzählen facettenhaft die bewegenden Lebens- und Liebesgeschichten von jungen und älteren Frauen in Singapur. Das erfrischende Debüt der jungen Autorin, die in Singapur und New York lebt, wurde in ihrer Heimatstadt mit zahlreichen Preisen bedacht. Ihre Kurzgeschichtensammlung gewann den Singapore Literature Prize for English Fiction, den Book Award for Best Fiction, und wurde unter die zehn besten englischen Bücher Singapurs der letzten 50 Jahre gewählt. Koe scheint damit den Zeitgeist des südostasiatischen Insel- und Stadtstaates getroffen zu haben. Ihre Geschichten, in dessen Mittelpunkt jüngere und ältere Frauen stehen, handeln von Gestrandeten, Querköpfen, Einsamen und andere Großstadtneurotiker, die sich durch eine Welt bewegen, dessen Brüchigkeit sich im Inneren und Äußeren widerspiegelt.

Miniaturen über Liebe, Begehren und Abgründe

In „Flamingo Valley“ begegnet der gealterte Rockstar Deddy Haikel in einem Seniorenheim seiner Jugendliebe. Er lockt sie mit seinen Erzählungen vergangener Tage phasenweise aus ihrer Demenz und schenkt ihr damit ihre Lebensfreude zurück. Eine junge Kellnerin erkennt in einem Hotelgast den „König von Caldecott Hill“. Der einstige Fernsehstar, der ihr in der Jugend als Vaterersatz diente, lädt sie auf sein Zimmer ein. Am nächsten Tag unternimmt er einen Selbstmordversuch und wird in ein Hospiz eingeliefert, wo sie ihm fortan regelmäßig besucht. In „Faustpfand“ sucht eine unattraktive Frau, nach einer gescheiterten Ehe voller Demütigungen, Trost bei einem jungen Liebhaber vom Imbiss. Statt des erhofften Liebesglücks verfängt sie sich immer mehr in den Klauen der käuflichen Liebe.

Koe erzählt eindringliche Geschichten, die berühren und nachdenklich stimmen. Sie macht dabei auch vor Tabuthemen nicht halt. Feinfühlig beschreibt sie in „Alice, du musst der Mittelpunkt deines eigenen Universums sein„ eine homosexuelle Liebe, die in Singapur gesetzlich verboten ist. Vor der britischen Botschaft treffen zwei ungleiche fremde Frauen aufeinander und verbringen Zeit miteinander, dabei verliebt sich die junge Studentin in eine ältere Dame.

Schmelztiegel der Kulturen

Die Storys sind einfühlsame und doch intensive Miniaturen über das Leben und die Liebe. „Die Tode – winzige, falsche, echte – die wir im Namen der Liebe sterben, sind das, was uns wahrer Größe am nächsten bringt“, schreibt sie treffend in der Kurzgeschichte „Die Ballade von Arlene & Nelly“. Koe wählt einen zeitgemäßen Sprachstil. Sie gießt ihre Lebensgeschichten in knappe und prägnante Stilformen und lotet einfallsreich die Facetten aus, die das Leben bietet. Ihre Geschichten handeln von Gefühlen, Leidenschaft, Schmerz, Abhängigkeit und käuflicher Sex. Die Kurzgeschichtensammlung ist ein Spiegelbild des Lebens im Stadtstaat Singapur, der ein ganz besonderer Schmelztiegel der Kulturen ist. Nebeneinander und miteinander leben dort Chinesen, Malaien und Inder. Die Bevölkerung Singapurs lebt trotz unterschiedlicher Kulturen, Bräuche und Sitten friedlich zusammen. Aber die Geschichten, die Koe erzählt, könnten genauso gut in Europa, Nordamerika oder anderswo spielen. Koe verleiht mit ihren Kurzgeschichten dem Alltäglichem eine ganz besondere Note. Hinter einer kleinen Geste kann eine bewegende jahrzehntealte Geschichte schlummern. Auch in Deutschland belegte die Kurzgeschichtensammlung von Koe bereits Platz 1 der Litprom-Bestenliste „Weltempfänger“ für den Winter 2016.

Kurz&Knapp: Lesenswert. Eine faszinierende und lebendige Kurzgeschichtensammlung voller bewegender Lebens- und Liebesgeschichten.

Amanda Lee Koe
Ministerium für öffentliche Erregung
Storys
Hardcover, 224 S.
CulturBooks Verlag, 2016

Auch als eBook erhältlich

Amanda Lee Koe lebt in Singapur und New York. Sie arbeitet als Herausgeberin ihres eigenen Literaturjournals Ceriph sowie als Literaturredakteurin für den Esquire. 2013 war sie Honorary Fellow des Iowa International Writing Program.

Ich danke dem CulturBooks Verlag für das Rezensionsexemplar.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s