Die Buch-Rezension „Heilige Bäume“ von Manfred Ehmer

Ehmer Heilige Bäume, Quelle: Tredition

Der Mensch von heute hat häufig das Bewusstsein von der Ganzheit allen Seins verloren. Manfred Ehmer unternimmt in seinem Buch „Heilige Bäume“ einen faszinierenden Streifzug durch die Baumkulte im Alten Europa und erinnert daran, dass unsere Vorfahren die Natur als lebendig und beseelt wahrnahmen.

Riesige Urwälder bedeckten bis weit in die Germanenzeit die Länder Mitteleuropas. Aus diesen Zeiten stammt die besondere Verehrung von heiligen Bäumen. Bei den Kelten war alles in der Natur belebt und beseelt. Das Ursprüngliche offenbarte sich als ansprechbarer Naturgeist, als Gott oder Göttin. Die Bäume konnten in der Vorstellung der damaligen Menschen nicht nur denken, sondern auch sprechen und sich bewegen. In ihrer Erscheinung und in ihrem Verhalten waren sie menschenähnlich, sogar Freude, Trauer und andere Empfindungen waren ihnen nicht fremd. Nicht nur bei uns ausgestorbene Tiere, wie Elche und Auerochsen bevölkerten den Wald, sondern auch Einhörner, Baumgeister, Blumenelfen und Seelenwesen aller Art.

Mythen, Sagen und Märchen über Bäume

Der Mythos vom Großen Wald lebt im kollektiven Unterbewusstsein der Menschen auch heute noch fort. Ehmer führt in seinem Buch „Heilige Bäume“ zahlreiche Mythen, Sagen und Märchen verschiedener Völker auf, in denen der Lebendigkeit der Bäume Ausdruck verliehen wird. Sein kulturgeschichtlicher Streifzug führt zu den weissagenden Eichen des antiken griechischen Heiligtums von Dodona, zu den heiligen Hainen der keltischen Druiden, zu Merlin, dem Geweihten des Waldes, und zur Insel der Apfelbäume, berühmt als Avalon.

Weltenbaum – Weltachse und Stützpfeiler des Universums

Der Lebensbaum ist in fast allen alten Kulturen das Ursymbol für kosmische Einheit und Ganzheit. Tief verwurzelt im Erdreich hält er Himmel und Erde zusammen. Er war Weltachse und Stützpfeiler aller Ebenen des Universums. Der Lebensbaum war ein kulturübergreifendes Lebens- und Heilssymbol, sei es nun die Weltenesche Yggdrasil bei den Germanen, der indische Feigenbaum Ashvattha, der kabbalistische Sephirotbaum, der biblische Paradiesbaum oder der Einweihungsbaum der sibirischen Schamanen.

Besonders die Kelten verehrten die Bäume. Für sie wohnten die Götter in den Großen Wäldern und als kultischer Ort diente ihnen kein Tempel, sondern ein heiliger Eichenhain, der Nemeton. Das Leben in den alten keltischen Stammesgesellschaften vollzog sich im Einklang mit den ewigen Zyklen und Rhythmen der Natur, dem Wechsel von Werden und Vergehen. Alles war stets im Wandel begriffen. Das keltische Baum-Alphabet diente als Baum-Orakel, Schriftsystem und Kalender.

Nicht nur die Kulturgeschichte Europas kannte eine Fülle von Baumkulten, sondern auch der Vordere Orient. Baumkulte und -symboliken gab es in Kleinasien, Syrien, Ägypten und Mesopotamien. Die jüdische Mystik gründete sich auf dem kabbalistischen Lebensbaum, der wie die Weltenesche Yggdrasil eine umfassende Kosmologie darstellte.

Streifzug durch die Baumkulte alter Völker

Ehmer macht deutlich, dass es in den alteuropäischen Baum-Mythologien keine festen Grenzlinien zwischen Mensch, Baum und Gott sowie zwischen Welt, Jenseitswelt und Überwelt gab. Die alten Kulturen waren mit der Natur und allem Lebendigen verbunden, sie konnten Gespräche der Bäume belauschen und in den Worten der Bäume tiefe Weisheiten entdecken.

Ehmer zeigt auf, dass mit der Rodung des Urwalds in Mitteleuropa mit der Einführung des Christentums zu Anfang des 6. Jahrhunderts begonnen wurde, um den Boden für die Besiedlung nutzbar zu machen. Es wurden von den Römern und der römisch-katholischen Kirche nicht nur die „heidnischen“ Stämme der Germanen und Kelten verfolgt, sondern auch gleichzeitig ihr angestammter Lebensraum zerstört.

Das Buch „Heilige Bäume“ ist ein beeindruckender Streifzug durch die Kulturgeschichte des alten Europas, in der die Baumkulte eine herausragende Stellung einnahmen. Ehmer gelingt es, verblüffende und erhellende Gemeinsamkeiten in den Mythen, Sagen und Märchen unterschiedlicher Völker aufzuzeigen. Er macht damit altes Wissen erfahrbar und lädt dazu ein, sich zurückzubesinnen und den vielfältigen Stimmen der Natur wieder mehr Beachtung zu schenken.

Kurz&Knapp: Absolut lesenswert. Ein faszinierender, kulturgeschichtlicher Streifzug durch die Baumkulte des alten Europas.

Manfred Ehmer
Heilige Bäume
Baumkulte im Alten Europa
Paperback, 152 S.
Tredition, 2016

Auch als eBook erhältlich.

Dr. Manfred Ehmer, wissenschaftlicher Sachbuchautor, hat sich in seinen Veröffentlichungen darum bemüht, die Spuren der verschütteten Weisheit einer „Ewigen Philosophie“ oder philosophia perennis in der Kulturgeschichte des Abendlandes sichtbar zu machen.

Ich danke Tredition für das Rezensionsexemplar.

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