Die Buch-Rezension „Odilia: Lebensspuren und Heilimpulse“ von Michaela Spaar

Spaar Odilia, Quelle: Futurum

Der Odilienberg bei Straßburg ist ein ganz besonderer Ort, er gilt als „heiliger“ Berg und die Verehrung der heiligen Odilia ist bis heute im Elsass und in Süddeutschland weit verbreitet. Michaela Spaar begibt sich in ihrem Buch „Odilia: Lebensspuren und Heilimpulse“ auf Spurensuche der Schutzpatronin des Elsass und beleuchtet, welche spirituelle Bedeutung die heilige Odilia bis heute hat.

Ausgehend von der mittelalterlichen Legende um die heilige Odilia begibt sich Michaela Spaar in dem reich bebilderten Buch auf eine kulturgeschichtliche und spirituelle Suche nach der elsässischen Heiligen, Äbtissin, Stifterin und Heilerin und den mit ihr verbundenen Orten Odilienberg, Niedermünster, Freiburg und Arlesheim. Dabei folgt sie nicht nur den Lebensspuren der Odilia und setzt sich intensiv mit der Legende dieser außergewöhnlichen Frau auseinander, sondern versucht auch, ihre Wesenheit und den von ihr initiierten Heilimpuls zu ergründen.

Schutzpatronin und Heilerin

Die heilige Odilia war zu Lebzeiten wegen ihrer Ausstrahlung und ihrer heilenden Wunderkräfte weithin berühmt. Im Mittelalter wurde sie bei Augenleiden und Blindheit angerufen und ihre Legende fand über die Jahrhunderte eine weite Verbreitung. Nach der Überlieferung wurde Odilia in der Merowingerzeit um 660 geboren und starb auf dem Odilienberg am 13. Dezember 720. Sie kam blind auf die Welt und ihr Vater Herzog Eticho wollte sie töten lassen. Ihre Mutter Bereswinda rettete sie und ließ sie in ein Kloster in Burgund bringen. Als 13-jähriges Mädchen erhält sie dort durch die Taufe von Bischof Erhard von Regensburg ihr Augenlicht. Sie kehrte ins Elsass zurück, musste aber bald wieder vor ihrem Vater fliehen und sich in einer Höhle verbergen. Später verzieh und versöhnte sie ihrem Vater, der ihr die Burg Hohenburg überließ. Dort gründete sie das heutige Kloster auf dem Odilienberg, dem sie als erste Äbtissin vorstand. Die Gründung des Klosters Niedermünster am Fuße des Odilienbergs geht ebenfalls auf sie zurück. Das Bergkloster diente als Ort des Rückzugs und des geistigen Austausches, in Niedermünster standen Krankenpflege, Fürsorge und Heilkunde im Vordergrund.

Bedeutungsvolle Legendenbilder

Die Legende um die heilige Odilie ist reich an einprägsamen und bedeutungsvollen Bildern. Michaela Spaar deutet wichtige Symbole, wie Blindheit, Taufort, Taufe, Vision von Johannes der Täufer, die Odilienquelle, die Verbindung zur heiligen Luzia. „Durch sie hindurch leuchten die innersten Impulse und der geistige Auftrag der heiligen Odilia als Wegbereiterin seelisch-geistiger Verwandlungsprozesse und Lichtbringerin des Geisteslichtes.“ Die Autorin vermutet auch, dass sich auf dem Odilienberg Jahrhunderte vorher eine Stätte des keltischen Sonnenkults befand, mit dem sie schicksalhaft verbunden war. Neben einer ausführlichen Ortsbegehung durch das Klostergelände und im Tal des ehemaligen Klosters Niedermünster widmet sich Spaar auch der Heidenmauer, einer 10 km langen prähistorischen Schutzmauer, die den Odilienberg umgibt.

Spurensuche in Freiburg und Arlesheim

Die Fluchtlegende der heiligen Odilia ist sowohl mit dem Waldheiligtum Sankt Ottilien bei Freiburg als auch dem schweizerischen Arlesheim in der Nähe von Basel verbunden. Die heilige Odilia gilt als Schutzpatronin und der gute Geist von Arlesheim. Nach Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik, befand sich die Höhle, zu der die Heilige Odilia vor ihrem Vater floh oberhalb von Arlesheim im Massiv des Hohlen Felsens. Historische Spuren finden sich in beiden Orten und die Autorin nähert sich dort der tiefgründigen Bedeutung der Fluchtlegende und der Verbindung zwischen der Heiligen Odilia und Wirken von Rudolf Steiner, der das Goetheanums unweit von Arlesheim errichten ließ.

Die Botschaft der Odilia

Michaela Spaar gelingt in ihrem Buch „Odilia: Lebensspuren und Heilimpulse“ eine faszinierende und erkenntnisreiche Spurensuche. Die stimmungsvollen Bilder und die detaillierten Beschreibungen von Orten lassen den Leser bei ihren Erkundungen teilhaben, so als würde man ihr direkt über die Schulter schauen. Die Autorin spürt der Legende der Odilia nach und nähert sich den tiefsinnigen Bedeutungen hinter den symbolträchtigen Bildern. „Odilia ist heute nicht mehr im Äußeren zu finden, sie kann nur im eigenen Inneren gefunden werden“, schreibt Spaar. Sie sieht in der heiligen Odilia nicht nur eine wichtige kirchengeschichtliche Persönlichkeit, sondern hält sie für die Gegenwart Europas von entscheidender spiritueller Bedeutung. Das Leben der heiligen Odilie ist eine eindringliche Geschichte, die uns auch heute noch nahe legt, verständnisvoll und verzeihend durch die „Widrigkeiten“ des Lebens zu gehen.

Kurz&Knapp: Absolut lesenswert. Eine faszinierende geschichtliche und spirituelle Spurensuche über das Leben und Wirken der Heiligen Odilia, das bis in die Gegenwart reicht.

Michaela Spaar
Odilia
Lebensspuren und Heilimpulse
Gebundene Ausgabe, 222 S.
Futurum, 2. Auflage, 2013

Michaela Spaar, geboren 1965 in München, studierte u.a. Kunstgeschichte, Romanistik und Buchwissenschaft in Freiburg, Paris und München. Von 1998 bis 2011 Redakteurin bei der Wochenschrift „Das Goetheanum“. Ausbildung in Substanzerkenntnis und in Phytotherapie. Die Co-Leiterin des Arlesheimer Bauerngartens bietet Kurse, Führungen und Exkursionen zu phytotherapeutischen, botanischen und kulturhistorischen Themen an und schreibt Artikel über Heilpflanzen.

Ich danke dem Verlag Futurum für das Rezensionsexemplar.

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