Die Buch-Rezension „Das Kloster Odilienberg als Zentrum des esoterischen Christentums“ von Manfred Gödrich

Gödrich Das Kloster Odilienberg als Zentrum des esoterischen Christentums. Quelle: J. Ch. Mellinger Verlag

Der Odilienberg übt seit Jahrhunderten eine magische Anziehungskraft aus, noch heute ist er der meistbesuchte Wahlfahrtort im Elsass. Manfred Gödrich unternimmt in seinem Buch „Das Kloster Odilienberg als Zentrum des esoterischen Christentums“ aus anthroposophischer Sicht eine erkenntnisreiche Spurensuche und kommt zu tiefgeistigen Erkenntnissen über den Einfluss des Geisteslebens rund um den Odilienberg auf ganz Europa.

Über der Gegend rund um den Odilienberg blieb bis heute eine lichte und geheimnisvolle Atmosphäre erhalten, welche wie ein Zauber über der Landschaft liegt. Manfred Gödrich beleuchtet aus anthroposophischer Sicht das Geistesleben rund um den Odilienberg und beschreibt das Kloster Odilienberg als Zentrum des esoterischen Christentums. Der Begriff Anthroposophie ist eine Zusammensetzung der griechischen Wörter Mensch (anthropo) und Weisheit (sophia). Anthroposophie ist als ein Erkenntnisweg zu verstehen, der über die materielle Welt hinaus auf seelisch-geistige Realitäten hin weist. Steiner entwickelte eine ganz bestimmte Christusanschauung und das esoterische Christentum bezieht sich auf einen inneren spirituellen Erkenntnisweg, der auf althergebrachtes Wissen basiert.

Wandlung der alten Mysterienstätte

Der Odilienberg selbst war eine uralte Mysterienstätte, die auf einer großen Sternenstraße liegt. Es bestehen starke Verbindungen zu anderen wichtigen heidnischen und christlichen Geisteszentren, wie Chartes, Troyes und Glastonbury. Zwischen 680 und 690 wurde von Odilia durch die Errichtung eines Klosters die alte Mysterienstätte zu dem „Zentrum des esoterischen Christentums in Europa“ gewendet. Die Äbtissinnen hatten auch nach dem Tod Odilias einen beratenden und politischen Einfluss auf die Mächtigen ihrer Zeit, da viele europäische Herrscher dem Odiliengeschlecht abstammten.

Legende der heiligen Odilia

Gödrich wirft einen Blick auf die gesellschaftlichen Zusammenhänge zu Odilias Zeiten. Odilia war bei ihrer Geburt um 657 eine merowingische Prinzessin. Die Merowinger mit ihren rauen Sitten und ihrer „kämpferisch-gewaltsamen Natur“ stammten wahrscheinlich von dem germanischen Stamm der Sugambrer ab. Odilies Vater Adalrich, auch „Eticho“ genannt, herrschte über das Herzogtum Elsass und Teile Deutschlands und war blutsverwandt mit den Merowingerkönigen. Bereswinda, Odilies Mutter, entstammte ebenfalls dem höchsten Adel. Gödrich beleuchtet die versteckten Botschaften der Legende von Odilia trug. Sie kam blind auf die Welt und ihr Vater verstieß sie. Odilia wuchs in einem Kloster in Burgund auf und erhielt bei ihrer Taufe das Augenlicht wieder. Sie kehrte an den Hof ihres Vaters zurück, floh aber, als er sie verheiraten wollte, da sie ihr Leben Gott geweiht hatte. Später überließt ihr Adalrich die Hohenburg, wo sie das Kloster Odilienberg gründete, dem sie bis zu ihrem Tod, wahrscheinlich 760, als Äbtissin vorsteht. Erst durch Odilias christlich-esoterische Impulse, ihre geistige Führung und ihre enge Verbindungen zum iro-schottischen Geistesleben fand das esoterische Christentum im Elsass weite Verbreitung,

Johannes dem Täufer, Lazarus und die Tempelritter

Der zentrale Aspekt des Geisteslebens auf dem Odilienberg ist die Suche nach dem Heiligen Gral. Symbole dafür kann man immer wieder in Malereien, Fenstermosaiken oder Steinreliefs. Wobei die Suche nach dem Heiligen Gral Sinnbild für die Suche des Menschen nach seinem höheren Selbst ist. Enge kunsthistorische und okkulte Bezüge finden sich auch zu Johannes dem Täufer und Lazarus auf dem Odilienberg sowie dem am Fuße des Berges gelegenen Kloster Niedermünster und dem Stift Andlau. Gödrich verweist auch auf eine ausgeprägte Präsenz der Tempelritter hin. Enge Verbindungen zum Orden der Tempelritter macht Gödrich auch an den beiden grabähnlichen Vertiefungen auf dem Felsvorsprung des Klosters hinter der Tränenkapelle fest, bei denen es sich um Einweihungsgräber der westlichen und der östlichen Mysterienströmung handeln könnte.

Weitreichende Impulse für Europa

Der Autor spürt den Geistesströmungen und Verbindungen nach, die als verborgene Botschaften in Steinreliefs, Malereien, Mosaiken und alten Dokumenten erhalten sind, und kommt dabei zu faszinierenden geistigen Erkenntnissen. Daneben lässt er auch die historischen Zusammenhänge aus der Anfangszeit des Christentums im Elsass lebendig werden und zeigt auf, dass viele europäische Königshäuser von dem Odiliengeschlecht abstammten und die Äbtissinnen des Odilienberges weitreichenden Einfluss hatten.

Gödrich unter nimmt in dem Buch „Das Kloster Odilienberg als Zentrum des esoterischen Christentums“ eine faszinierende und tiefgeistige Spurensuche über das mit dem Odilienberg verbundene Geistesleben. Er zeigt auf, welche Strömungen des esoterischen Christentums sich dort zeigten und entschlüsselt die verborgenen Botschaften. Zurecht bezeichnet er das Geistesleben rund um den Odilienberg als „Zentrum des esoterischen Christentums in Europa“, das bis in die moderne Zeit ihre Ausstrahlung bewahren konnte. Dem Autor gelingt es, ein vielschichtiges und weit in die Menschheitsgeschichte zurückreichendes Mosaik der geistigen Strömungen aufzuzeigen. Er beleuchtet die Botschaften der beiden Einweihungsgräber, die auf dem Plateau hinter der Tränenkapelle liegen, die eindrucksvollen Wandmalereien der Johannes-Kapelle, die Blutreliquie von Kloster Niedermünster, den Lazarus-Schädel im Kellergewölbe des Stiftes Andlau sowie dessen eindrucksvolle Portalreliefs.

Kurz&Knapp: Lesenswert. Eine erkenntnisreiche und faszinierende Forschungsarbeit über Einfluss des Geisteslebens rund um den Odilienberg auf ganz Europa.

Manfred Gödrich
Das Kloster Odilienberg als Zentrum des esoterischen Christentums
Das Geistesleben rund um den Odilienberg und dessen Verbindungen zum Orden der Tempelritter im Lichte der Geisteswissenschaft
Gebundene Ausgabe, 240 S.
J. Ch. Mellinger Verlag, 2015

Manfred Gödrich, geboren 1963 in Wien,. Studium der Zoologie und der Humanbiologie, darauf freischaffender Bildhauer und Kunsthandwerker. Seit 2004 Gruppenleiter des anthroposophischen Arbeitskreises Zweibrücken (Rheinland-Pfalz). Leiter praxisbezogener Seminare, langjährige Forschungsarbeiten über praktische Zugänge zur imaginativen Erkenntnis sowie Verfasser geisteswissenschaftlicher Manuskripte und Buchautor.

Ich danke dem J. Ch. Mellinger Verlag für das Rezensionsexemplar.