Die Buch-Rezension „Spirituelles Schreiben“ von Lutz von Werder

von Werder Spirituelles Schreiben, Quelle: Schibri Verlag

Mystische Erfahrungen in Worte fassen, aber wie? Praxisbezogen und kenntnisreich regt Lutz von Werder in seinem Buch „Spirituelles Schreiben“ anhand von Coelho, Rilke, Hesse und anderen großen Dichtern der Moderne zum spirituellen Lesen und Schreiben an.

Die Mystik in der modernen Literatur ist eine Mystik ohne persönlichen Gott. Es geht um das Eins-Werden mit dem All-Einen. „Der ursprüngliche Sinn der Dinge erscheint in der Gestalt der Ideen des All-Einen. Das Spirituelle bricht als Mystik im Bewusstsein ein. Es lässt die Realität aus großer Entfernung sehen“, schreibt Lutz von Werder. Coelho erkennt im All-Einen die universelle Energie, die nie vergeht, Rilke lehrt, dass das All-Eine ein Lied ist oder das frische Obst, das Orpheus reicht, und die Lyrikerin Hilde Domin kennt das All-Eine als eine Rose, die Halt gibt.

Im Alltäglichen das Wunderbare sehen

Schriftsteller und Dichter fühlen die Dinge der Wirklichkeit tiefer, sehen sie umfassender und hören sie intensiver. Diese tiefen Erfahrungen sind schwer anderen mitzuteilen, häufig werden dafür literarische Vergleiche, Analogien, Metaphern sowie die Sprache der Poesie genutzt. Die amerikanische Schriftstellerin Pearl S. Buck formulierte es treffend: „Die wahre Lebenskunst besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen.“ Das Schreiben von mystischen Texten überschreitet die Subjekte-Objekt-Spaltung des alltäglichen Denkens, es stiftet Sinn in einer absurden Welt und relativiert Grenzsituationen wie Tod, Leid und Schuld. „Ein mystischer Text ist immer mehr als die Summe seiner Interpretation“, betont Lutz von Werder.

Mystische Strömungen der Literatur

Im ersten Teil des Buches gibt Lutz von Werder einen kurzen, aber prägnanten Einstieg über die Theorie spiritueller Literatur und die Methoden kreativen Lesens und Schreibens mystischer Texte. Im zweiten Teil macht er zwölf mystische Strömungen der Literatur seit der Romantik aus und stellt ihre wichtigsten Vertreter, darunter Hölderlin, Whitman, Rilke, Hesse, Camus, Kerouac, Handke und Coelho, vor. Weitere Kapitel befassen sich mit dem mystischen Impuls im Marxismus und der gottlosen Mystik nach Auschwitz. Anhand von Zitaten und mystischen Texten der vorgestellten Schriftsteller lädt Lutz von Werder zu inspirierenden Schreibübungen ein.

Möglichkeit der Selbsterfahrung

Das Buch „Spirituelles Schreiben“ liefert aber nicht nur Anregungen, um die eigene Spiritualität durch kreatives Schreiben und Lesen zu entwickeln, sondern fördert auch den inneren Dialog und ist eine weitreichende Möglichkeit der Selbsterfahrung. Im dritten Teil des Buches findet sich ein Grundkurs des spirituellen Schreibens für Einzelne und Gruppen mit Schreibübungen zu jeder mystischen Strömung. Die Übungen reichen vom meditativen und automatischen Schreiben bis hin zu mit der linken Hand im Dunkeln schreiben.

Vom spirituelles Lesen zum Schreiben

Für von Werder ist spirituelles Schreiben „der postmoderne Weg zur Befreiung des Ichs.“ In seinem Vorwort erinnert er daran, dass schon die antike Philosophie sagte: „Kein Tag sollte vergehen, an dem man nicht spirituelle Texte gelesen und einen kleinen spirituellen Text geschrieben hat.“ Inspiriertes Schreiben über spirituelle Erfahrungen kann helfen, sein eigenes Potenzial zu erkunden und bis zum innersten Kern führen. Das Buch „Spirituelles Schreiben“ ist ein Füllhorn der Inspiration und vermittelt das notwendige Handwerk, um mit dem Lesen und dem Schreiben von spirituellen Texten zu einem erhellenden Erkenntnisgewinn zu kommen. Es liegt an jedem selbst, zu Feder, Stift oder Tastatur zu greifen, die notwendigen Voraussetzungen gibt Lutz von Werder in seinem Buch „Spirituelles Schreiben“ umfangreich und kenntnisreich an die Hand.

Kurz&Knapp: Lesenswert. Ein praxistaugliches Buch über spirituelles Schreiben mit vielen Beispielen von großen Schriftstellern der Moderne sowie zahlreichen Schreibübungen.

Lutz von Werder
Spirituelles Schreiben
Ein Praxisbuch für Einzelne und Gruppen
Philosophische Lebenskunst Bd. 13
Paperback, 380 S.
Schibri Verlag, 2014

Lutz von Werder, geb. 1939, ist Philosoph. Bis 2004 Hochschullehrer für Kreativitätsforschung an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf. Seit 1993 Leiter des Philosophischen Cafés in Berlin. Er ist Autor zahlreicher Bücher über philosophische Lebenskunst, praktische Philosophie, kreatives/wissenschaftliches Schreiben sowie Verfasser literarischer Texte.

Ich danke dem Schibri Verlag für das Rezensionsexemplar.

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