Die Buch-Rezension „Barfuß und wild“ von Jan Frerichs

Frerich Barfuß &; wild, Quelle: Patmos

Christliche Spiritualität kann sehr lebendig sein, dies zeigt Jan Frerichs in seinem Buch „Barfuß und wild“. Intensive Naturerfahrungen, franziskanische Tradition, Mystik und die Heilige Schrift sind Eckpfeiler einer im Alltag gelebten Spiritualität.

Viele moderne Menschen versuchen mit künstlichen und virtuellen Abenteuern sowie gekauften Höhenflügen die innere Leere zu füllen. Auch die Jagd nach Sex, Geld oder Erfolg bleibt meist unbefriedigend und eine tiefe Sehnsucht bleibt unerfüllt. Viele Erfahrungen, die moderne Menschen machen, berühren nicht mehr wirklich das Herz. Es ist, als ob eine wichtige Lebenserfahrung nicht mehr möglich ist. Was fehlt ist „eine Erfahrung des Lebendigseins“, eine Lebenserfahrung, die im Inneren nachschwingt.

Begegnung mit dem wilden Gott

Für viele Generationen vor uns war der christliche Glaube ein Schlüssel zu jener tiefen Erfahrung. Und was ist daraus geworden? Das Christentum in Westeuropa steckt in der Krise, weil Religion auf theoretische Fragen und leere Rituale reduziert ist.„Ein Gott, der nicht erfahrbar ist, existiert auch nicht.“

Es ist Zeit, das Christentum wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen, meint Frerichs. Sein Buch ist „eine Einladung, dem wilden Gott zu begegnen und die eigene „Wildheit“ wiederzuentdecken: Verbunden mit dem Kosmos, eingebunden in die Gemeinschaft der Geschöpfe und der Erfahrung des Lebendigseins“.

Für Frerichs gibt es „eine ungezähmte und wilde Seite des Christentums mit einer lebendigen, ursprünglichen Spiritualität, die nichts ausklammert“, zu verbinden. Fünf Wegweiser weisen den Weg dorthin: die Natur, die Heilige Schrift, die franziskanische Tradition, die Mystik sowie Kontemplation und Aktion. „Das Christentum ist in Wahrheit keine Lehre, sondern eine Lebensweise. Sie ist „barfuß und wild“ – und das meint nichts anderes als aktiv und kontemplativ.“ Unter wild sein versteht Frerichs, seine Kontrolle aufzugeben und alles immer im Griff zu haben. Barfuß steht für eine Haltung, sich unmittelbar berühren und einbeziehen zu lassen. Im übertragenen Sinn geht es ihm darum, alte Schuhe und Schutzhäute abzulegen.

Geerdete Spiritualität

Die Natur ist für ihn die beste „Lehrerin“. Sie ist ein Spiegel des Göttlichen und ein Spiegel der Seele. „Wer in diesen Spiegel schaut, erkennt sich darin selbst. In den Felsen, Pflanzen, Tieren.“ Es geht nicht darum, die Natur zu beobachten, sondern ohne Ziel sowie ohne Bewertung und Beurteilung zu schauen und wieder staunen zu lernen. Im Alltag kann ein Gebet einen passenden rituellen Raum bieten, um bei sich zu bleiben oder zur Ruhe zu kommen. Bei alltäglichen Problemen sorgt vielleicht eine Medizinwanderung für mehr Erkenntnis sorgen. Bei den großen Übergangsphasen im Leben kann eine Visionssuche, das ein uralter Initiationsritus der amerikanischen Ureinwohner ist, hilfreiche Impulse bewirken.

Als Hilfsmittel eignet sich auch das Lebensrad, das dem aus der indianischen Kultur stammenden Medizinrad entspricht und ist für Frerichs ein universelles Symbol für das Abenteuer des Lebens ist. Der Kreis markiert den Zyklus von Werden und Vergehen. Die Speichen sind die Übergänge der vier Jahreszeiten im Leben. Für Frerichs ist der Christus am Kreuz der Christus am Rad und ein Abbild einer Heldenreise, wie sie sich weltweit in vielen Mythen findet.

Authentisch und frei

Beim Lesen des Buches spürt man, dass Frerichs ein leidenschaftlicher Verfechter einer lebendigen christlichen Spiritualität ist und für eine Spirituelle Ökologie eintritt. „Wir sind alle Teil eines großen Wandels, der sich vollzieht und vollziehen muss“. Zunehmende Umweltverschmutzung und Raubbau an der Natur erfordern ein Umdenken. Jeder sollte die Folgen seines Handels hinterfragen.

„Barfuß und wild“ ist ein authentisches Buch. Frerichs schreibt offen über seine christliche Spiritualität, die stark von den Franziskanern und von Franz von Assisi beeinflusst ist. Man spürt, dass es nicht nur einfach Worte sind, sondern er diese Spiritualität auch in seinem Alltag lebt und sie anderen Menschen bei Auszeiten in der Natur vermittelt. Er geht seinen eigenen Weg fernab von erstarrten Dogmen der Institution Kirche. Die Begebenheiten der Heiligen Schrift sieht er in einem ganz anderen Licht. Für ihn ist die Geschichte von Adam und Eva kein Sündenfall, sondern ein Schritt der Reifung und die Schlange steht für das Lebensprinzip der Schöpfung. Wir alle sind Adam und Eva. „Jeder Mensch durchlebt die Erfahrung von Angst und Scham in der Kindheit. Jeder Mensch versucht, die Nacktheit, das Gefühl des Ausgeliefertseins, die Abgetrenntheit zu überwinden.“

Kurz&Knapp: Lesenswert. Ein Wegweiser zu einer bodenständigen, lebendigen christlichen Spiritualität.

Jan Frerichs
Barfuß und wild
Wege zur eigenen Spiritualität
Hardcover, 200 S.
Patmos, 2018

Jan Frerichs OFS ist Gründer und Leiter der „Franziskanischen Lebensschule“. Als Theologe begleitet er Menschen in geistlichen Auszeiten und Übergangsriten. Er ist ausgebildet in der Tradition der „School of Lost Borders“ und geprägt von franziskanischer Spiritualität (Richard Rohr: Mens’ Rites of Passage). Nach fünf Jahren als Franziskanerbruder gehört er heute dem Dritten Orden der franziskanischen Familie an. Er arbeitet als Redakteur für das ZDF und lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Bingen am Rhein.

Ich danke Patmos für das Rezensionsexemplar.

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