Die Buch-Rezension „Wenn mir’s nur gruselte!“ von Eugen Drewermann

Drewermann Wenn mir´s nur gruselte, Quelle: Patmos

Märchen als Lebenshilfe. Der bekannte Psychoanalytiker und Theologe Eugen Drewermann interpretiert in seinem Buch „Wenn mir’s nur gruselte!“ tiefenpsychologisch drei Märchen der Gebrüder Grimm anhand des menschlichen Urthemas Angst und ihre Bewältigung.

Angst ist im Grunde eine zentrale Emotion des Menschen und ein Warnsignal für gefährliche Situationen, das hilft, Schaden von uns abzuwenden. Viele große und kleine Ängste gehören zum Leben, doch es gibt eine Urangst, die seit Anbeginn der Menschheit besteht. „Am tiefsten geht die Angst, die uns befällt, wenn wir bemerken, was es heißt, ein Mensch zu sein – die Angst, geistig zu existieren: als Einzelner, in Freiheit, hinwandernd zwischen Zeit und Ewigkeit.“

Von Angst und Vertrauen

Für den bekannten Psychoanalytiker und Theologen Drewermann können bei der Lösung der Ur-Angst Psychologie und Philosophie nur Wegweiser sein. Die Überwindung der Angst gelingt „allein im Vertrauen in eine andere Sphäre der Wirklichkeit, wie nur die Religion sie verheißt.“ Für ihn lässt sich ein solcher Halt im Absoluten nicht einfach verordnen. Anhand von Märcheninterpretationen zeigt er auf, was passiert, wenn dieser uns fehlt. „Wir werden dann die Angst verdrängen oder anderen Angst machen oder die vermeintlichen Angstquellen auszuschalten suchen. In jedem Falle finden wir niemals uns selbst, gelangen wir nie wirklich zu den anderen und werden niemals Ruhe haben.“

Über viele Jahre hat sich Drewermann intensiv mit der Weisheit der Märchen, Mythen und Träume beschäftigt, insbesondere mit den Hausmärchen der Gebrüder Grimm, die er tiefenpsychologisch deutet. In dem Buch „Wenn mir ‘s nur gruselte!“ sind drei Erzählungen vereint, die das Thema Angst aus unterschiedlichen Facetten widerspiegeln. Das „Märchen, von einem der auszog, das Fürchten zu lernen“ thematisiert Angstfreiheit durch Angstverdrängung. „Das tapfere Schneiderlein“ behandelt die Angstlösung durch Angstverbreitung und „Die Eule“ Angstverarbeitung durch Aggression.

Märchen – Spiegelbild des Lebens

Die drei Märchen sind den umfangreichen Ausführungen Drewermanns vorangestellt, damit der Leser zuerst die Märchen ohne Interpretation auf sich wirken lassen kann. „Märchen sind nicht in sich Psychologie, Philosophie, Theologie, sie schildern zwischen Spaß und Ernst, in sinnbildhaften Szenen, gewisse komische und tragische Facetten unseres Lebens.“

In dem wenig bekannten Märchen „Die Eule“ fürchtet sich ein Hausknecht vor einem Vogel, „der die anderen Vögel fürchtet, weil diese vor ihm Furcht empfinden“. Es geht um die Angst vor dem Anderen, vor dem Fremden. Ein Thema, das heute wieder aktueller denn je ist.

Drewermann deutet die Märchen aus tiefenpsychologischer Sicht und reichert sie mit theologischen und philosophischen Anmerkungen an. In den umfangreichen Fußnoten finden sich neben Quellenangaben wichtige Bemerkungen und Ergänzungen.

Zeitlose Weisheiten

Der bekannte Psychoanalytiker und Theologe hat seinen eigenen Schreibstil, der manchmal für mein Empfinden etwas zu ausufernd ist. Es ist ein Buch, dessen Inhalt sich der Leser portionsweise „erarbeiten“ muss. Aber seine Interpretationen sind sehr fundiert und behandeln ein zentrales menschliches Grundthema nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft. Der Querdenker Drewermann spart dabei nicht mit gesellschaftskritischen Anmerkungen.

Das Buch „Wenn mir’s nur gruselte!“ zeigt auf, dass sich Märchen auch heutzutage nicht nur aus Tradition noch als Gute-Nacht-Geschichten eignen, sondern dass sie in ihrem Kern zeitlose und tiefe menschliche Erkenntnisse und Weisheiten enthalten, die viel älter sind als die Aufzeichnungen der Gebrüder Grimm.

Kurz&Knapp: Lesenswert. Fundierte Märcheninterpretationen als Wegweiser, die helfen können, Lebensangst zu überwinden.

Eugen Drewermann
Wenn mir’s nur gruselte!
Von Angst und ihrer Bewältigung
Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet
Gebundene Ausgabe, 342 S.
Patmos Verlag, 2018

Dr. Eugen Drewermann ist Theologe, Psychoanalytiker und Schriftsteller mit internationaler Reichweite; er gehört zu den erfolgreichsten theologischen Autoren. Für sein friedenspolitisches Engagement wurde er 2007 mit dem Erich-Fromm-Preis ausgezeichnet, 2011 erhielt er den im selben Jahr erstmals verliehenen internationalen Albert-Schweitzer-Preis. Der gefragte Referent nimmt immer wieder Stellung zu aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen.

Ich danke Patmos für das Rezensionsexemplar.

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