Die Buch-Rezension „Die Kelten“ von Eva-Maria Schnurr (Hg.)

Schnurr Die Kelten, Quelle: DVA

Wer waren die Kelten, unzivilisierte und kriegslüsterne Barbaren oder eine fortschrittliche und innovative Zivilisation? Das Buch „Die Kelten“ von Eva-Maria Schnurr (Hg.) zeigt in vielen faszinierenden Facetten auf, was Wissenschaftler über unsere Vorfahren wissen.

19 Aufsätze von Journalisten, Archäologen, Historikern und Keltologen entwerfen ein facettenreiches Bild über die eisenzeitlichen Kelten. Ausgehend von der Hallstattzeit zu Beginn der mitteleuropäischen Eisenzeit im 8. Jhr. v. Chr. über die Zeit der frühkeltischen Fürstensitze in der Latènezeit bis hin zu den Gründungen der mächtigen Oppida als den ersten Städten in Mitteleuropa wird die Entwicklung einer komplexen frühzeitlichen Gesellschaft beschrieben. Die Kelten besiedelten in ihrer Blütezeit große Teile von Österreich, Süddeutschland, der Schweiz, von Frankreich und Spanien.

Von Fürstengräbern und eisenzeitlichen Metropolen

„Bis heute umwehen die Kelten zahlreiche Geheimnisse und Mythen, sie sind rätselhaft, archaisch, soviel immerhin scheint klar“, schreibt Eva-Maria Schnurr. Da es keine schriftlichen Überlieferungen von den Kelten gibt, bleibt vieles wohl auf ewig im Dunkel der Geschichte. Die ersten schriftlichen Quellen über die Kelten stammen von den Griechen und Römern. Antike Autoren zeichnen ein Bild von unerschrockenen und kampfesmutigen Kriegern, die sich auch gerne als Söldner verdingten.

Archäologische Ausgrabungen vor allem in Süddeutschland geben bedeutende Aufschlüsse über das keltische Leben. Die Heuneburg an der Donau war um 600 v. Chr. eine eisenzeitliche Metropole, in der das Handwerk blühte und in deren Umkreis bis zu 5000 Menschen lebten. Grabungen ergaben faszinierende Einblicke in Kleidung, Schmuck, Körperpflege, Ernährung, Landwirtschaft und Handwerk der Kelten. Ein anderer bedeutender keltischer Ort war der Fürstensitz am Glauberg in der Nähe von Frankfurt, wo ein reich ausgestattetes Punkgrab entdeckt wurde. Eine der bedeutendsten keltischen Städte Europas befand sich vor über 2000 Jahren in Manching bei Ingolstadt.

Mythos und Wirklichkeit

Wer waren die Kelten? Es war kein Volk mit einer fest umrissenen Kultur, sondern einzelne Stämme oder Clans, die in verschiedenen Gemeinschaften und Siedlungszentren lebten. Ihre Handelsrouten erstreckten sich fast über den ganzen Kontinent. Der Begriff „keltisch“ ist nur sprachwissenschaftlich genau zu definieren.

In der Laténezeit begannen keltische Stämme, in ganz Europa auf der Suche nach neuem Siedlungsgebiet umherzuziehen. Etwa seit 500 v. Chr. wurden sie in Italien sesshaft. Andere Stämme brachen in Richtung Balkan und Schwarzes Meer auf.

Und wie viel Keltisches hat sich auf den britischen Inseln erhalten? Kaum etwas lässt sich direkt auf die Kelten zurückführen, alles hat sich mit anderen Einflüssen vermischt, erklärt eine Expertin. Erst 500 v. Chr. kamen die Kelten auf die Inseln und ihre Kultur hatte dort ihre letzte Blütezeit im frühen Mittelalter. Auch ob es den sagenumwobenen König Artus gab, bleibt wissenschaftlich ungewiss.

Einer der faszinierendsten Aspekte des Keltentums sind die Druiden. Aber wie vieles bei den Kelten bleibt auch die Religion rätselhaft. Die kultischen Handlungen beinhalteten wohl blutige Rituale, aber glaubten die Kelten an die Wiedergeburt? Es bleibt wissenschaftlich umstritten, genauso seit wann es Druiden gab und was sie genau lehrten.

Facettenreiche Spurensuche

Das Buch „Die Kelten“ gibt einen umfassenden Überblick über die wissenschaftlichen Erkenntnisse dieses europäischen „Volkes“. Es zeichnet ein buntes vielschichtiges Mosaikbild der Kelten, das wohl für immer unvollständig bleiben wird. Es zeigt aber viele faszinierende Facetten auf, die Kelten als Erbauer früher Städte, als versierte Händler und Handwerker, als wilde Krieger und als magische Druiden. Ein einheitliches Bild gibt es von ihnen nicht und wird es sicherlich auch nie geben. Mit dem Begriff „keltisch“ werden verschiedene Phänomene von der Vorzeit bis zur Gegenwart bezeichnet, wie der Keltologe Bernhard Maier treffend feststellt. Das Buch „Die Kelten“ erlaubt es, Forschern bei ihrer Arbeit quasi über die Schulter und sich ein interdisziplinäres Bild von unseren faszinierenden Vorfahren zu machen, die das Leben in Mitteleuropa in der Eisenzeit entscheidend prägten.

Lesenswert. Ein facettenreiches Bild über die Geschichte und Kultur der Kelten basierend auf modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Eva-Maria Schnurr (Hg.)
Die Kelten
Geheimnisse einer versunkenen Kultur
Ein Spiegel-Buch
Gebundene Ausgabe, 208 S.
Deutsche Verlags-Anstalt, 2018

Eva-Maria Schnurr, geboren 1974, ist seit 2013 Redakteurin beim Spiegel und verantwortet seit 2017 die Heftreihe „Spiegel Geschichte“. Zuvor arbeitete die promovierte Historikerin als freie Journalistin, u. a. für Zeit und Stern. Sie ist Herausgeberin der DVA/Spiegel-Bücher »Englands Krone« (2014) und »Die Reformation« (2016).

Ich danke DVA für das Rezensionsexemplar.