Die Buch-Rezension „Wolfsmedizin“ von Wolf-Dieter Storl

Storl-Wolfsmedizin. Quelle: AT Verlag

Pflanzenheilkunde, Nomadenleben und Schamanismus finden sich noch heutzutage in der weiten Steppenlandschaft der Mongolei und Sibiriens. In „Wolfsmedizin“ berichtet der bekannte Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl über seine schillernden Reiseerlebnisse im Wilden Osten.

„Wolfsmedizin“ ist ein facettenreicher Erlebnisbericht über eine Reise im Sommer 2017 in die Mongolei und nach Sibirien, die Storl zusammen mit einer kleinen Gruppe unternahm, die sich besonders für Pflanzenheilkunde und Schamanismus interessierte. Gewohnt unterhaltsam und kenntnisreich schildert er seine Erlebnisse von Land und Leuten. Besonders interessierten ihn dabei natürlich die Pflanzen und die traditionelle Heilkunde. Allein am Baikalsee, dem „Heiligen Meer Sibiriens“ zählen Botaniker ungefähr tausend Pflanzenarten. Erstaunlich die Vielfalt der Wildkräuter, die in der Steppe und den Wäldern wächst. Beifuß, Löwenzahn, Wacholder und Brennnessel sind natürlich auch bei uns heimisch, er entdeckt aber auch Besonderheiten, wie Himalaya-Wegerich, Türkenbundlilie und Baikal-Helmkraut.

Von der Steppe in die Berge

Die Fahrt geht über holprige Pisten und durch ursprüngliche, wilde Landschaften mit weiten Steppen und beeindruckenden Gebirgsregionen. „Wildnis und wilde Tiere zu erleben, tut der Seele gut, es erzeugt eine Resonanz mit den tieferen Schichten unseres stammesgeschichtlichen Bewusstseins und verbindet uns mit unseren fernen Ahnen, die einst innig mit der Wildnis verbunden waren.“ Die mongolische Steppe erinnert Storl stark an die nordamerikanische Prärie des Wilden Westens. Und genauso wie einst die Prärieindianer sind die Steppenvölker auf den Rücken der Pferde zuhause.

Die Mongolei ist fast viereinhalb Mal so groß wie die Bundesrepublik, hat aber nur drei Millionen Einwohner und dazu 70 Millionen Rinder, Schafe, Ziege, Yaks und Kamele. Eine große Gefahr für die Region ist die Überweidung und der Raubbau der internationalen Bergbauunternehmen. Für die Nomaden und auch für die Wildtiere wird der Lebensraum immer enger. Ansonsten spart Storl auch nicht mit Kritik an der westlichen Welt, sei es zu den Themen Neoschamanismus, Elektromobilität oder Vegetarismus.

Fest verankerter Schamanismus

Für die Mongolen und andere indigene Völker ist die Natur die Quelle aller Spiritualität. „Der Schamane als Verbinder zwischen den Welten hat einen festen Stellenwert im Alltag dieser ethnischen Gruppen.“ Für sie sind die Berge, der Himmel, Gewässer, Bäume, Vögel und Fische die Sprache des Göttlichen. „Man muss ihnen nur lauschen, muss das Geplapper der Gedanken abschalten, muss leer werden, um ihre Weisungen aufzunehmen, um wieder heil zu werden.“ Der Wolf spielt in der mongolischen Tradition und Schöpfungsgeschichte eine bedeutende Rolle. „Sie haben die Reinheit und die Kraft der wilden, unverdorbenen Natur; sie sind Grenzgänger.“ Der Schamanismus ist in der Mongolei und in Sibirien tief und fest verankert, obwohl viele buddhistische Klöster und Heiligtümer auf den heiligen Plätzen errichtet wurden und viele Schamanen von Kommunisten liquidiert wurden.

Ergänzt wird der facettenreiche Reisebericht durch die Mongolei und Sibirien um Wissenswertes über Heilpflanzen und ihre Anwendung, Schamanismus und traditionelle mongolische Medizin, die sich seit den Zeiten Dschingis Khans wenig verändert hat. Storl zieht schon in der Einleitung eine klare Trennung zwischen esoterisch schamanistisch angehauchten Praktiken und wirklich gelebten Schamanismus, wie er sich noch in der Mongolei und Sibirien findet. In der sibirischen Taiga, dem Land der Burjaten und Ewenken, sind immer noch viele als Jäger und Sammler unterwegs. „Die Lebensweise dieser Nomaden ist nur einen Schritt entfernt von derjenigen der altsteinzeitlichen Großwildjäger.“

Spurensuche nach dem altsteinzeitlichen Erbe

„Wolfsmedizin“ ist kein Schamanen-Buch, aber ein eindrucksvoller, authentischer Erlebnisbericht einer Reise in die Mongolei und nach Sibirien, wo die Menschen zwischen Tradition und Moderne leben. Storl interessiert sich natürlich vor allem für den Schamanismus, Pflanzenkunde und das ursprüngliche Nomadenleben. Die Pflanzenkunde ist Storls eigentliches Steckenpferd und er entdeckt bei den Steppennomaden viele Parallelen zu den nordamerikanischen Indianern, was aber nicht verwunderlich ist, da die Ureinwohner Amerikas während der letzten Eiszeit über die zugefrorene Beringstraße kamen.

Das reich bebilderte Buch liefert viele Details und Hintergrundinformationen über das wilde, raue Leben in den dünnbesiedelten Landstrichen. Noch heute findet sich dort eine zutiefst schamanisch geprägte Kultur. Mit seinem Bericht lädt Storl dazu ein, über unseren moderner Lebensstil im Vergleich zum einfachen Leben in der Steppe nachzudenken und was es bedeutet, im Einklang mit der Natur zu leben. Schließlich finden sich auch unter unseren Ahnen, die eiszeitlichen Jäger und Sammler, die unser gemeinsames paläolithisches Erbe sind.

Kurz&Knapp: Lesenswert. Ein facettenreicher Reiseerlebnisbericht über die Suche nach Heilpflanzen und schamanische Praktiken der Nomaden in der Mongolei und Sibirien.

Wolf-Dieter Storl
Wolfsmedizin
Eine Reise zu den Pflanzenheilkundigen in der Mongolei und Sibirien
Gebundenes Buch, 224 S.
AT Verlag, 2018

Wolf-Dieter Storl, Kulturanthropologe und Ethnobotaniker, lehrte als Dozent an verschiedenen Universitäten und hat zahlreiche Bücher publiziert, die zu erfolgreichen Longsellern wurden. Er lebt auf einem Einödhof im Allgäu.

Ich danke dem AT Verlag für das Rezensionsexemplar.

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