Die Buch-Rezension „Bienendemokratie“ von Thomas D. Seeley

Seeley Bienendemokratie, Quelle: Fischer

Erhellende und anregende Einblicke in das soziale Verhalten der Honigbienen vermittelt der Verhaltensbiologe Thomas D. Seeley in seinem populärwissenschaftlichen Buch „Bienendemokratie“. Für den amerikanischen Wissenschaftler sind sie aber mehr als nur ein Forschungsobjekt, das hochentwickelte Entscheidungsprozesse nutzt.

Die Honigbiene (Apis mellifera) ist ein faszinierendes Lebewesen mit großer ökologischer Bedeutung und einer ganz besonderen Lebensart. Bienenvölker sind nicht nur eine Ansammlung von Individuen, sondern „ein zusammengesetztes Lebewesen, das als integriertes Ganzes funktioniert.“ Ein Volk, das bis zu 50.000 Bienen umfasst, besteht aus einer Königin, Arbeiterinnen und Drohnen, die unterschiedlichen Aufgaben haben. Während die Arbeiterinnen Blüten und Pollen sammeln, den Bienenstock putzen und Wache halten besteht die einzige Lebensaufgabe der Drohnen darin, eine Königin zu befruchten.

Auf der Suche nach einer neuen Bleibe

Der amerikanische Verhaltensbiologe Thomas D. Seeley, der als einer der weltweit führenden Bienenexperten gilt, räumt mit der Vorstellung auf, dass die Bienenkönigin eine absolute Herrscherin ist. Sie ist zwar normalerweise die einzige Eierproduzentin und wird von den Arbeiterinnen umsorgt, aber das Kollektiv betreffende Entscheidungen trifft das Bienenvolk in demokratischer „Abstimmung“.

Seeleys Forschungen ab den 1970er Jahren basieren auf den Erkenntnissen des deutschen Nobelpreisträgers für Physiologie oder Medizin Karl von Frisch und seines Schülers Martin Lindauer in den 1950er Jahren. Sie entdeckten, wie die ausfliegenden Kundschafterbienen die gesammelten Informationen an ihr Volk weitergeben. Mit einem „Schwänzeltanz“ vermitteln die Tiere den Standort aufgefundener Futterplätze oder auch neuer Nistplatz. Durch Intensität und Länge der Darbietungen teilen sie die Distanz, Richtung und Qualität der potenziellen neuen Behausung mit. Seeley geht in seinem Buch der Frage nach, wie entscheidet sich das Bienenvolk, zu welchen Platz es sich begibt, wenn mehrere Kundschafterbienen unterschiedliche Plätze anpreisen? Die Auswahl des richtigen Standortes ist für ein Honigbienenvolk entscheidend, um das Überleben des Volkes zu sichern.
Schwarmintelligenz der Bienen
Zwischen Mai und Juli bereitet sich ein Bienenvolk auf das Schwärmen vor. Die Arbeiterinnen beginnen eine neue Königin heranzuziehen, um ein neues Volk zu gründen. Während die „neue“ Königin mit rund einem Drittel des Bienenvolks am alten Nistplatz bleibt, schwärmen die zwei Drittel mit der alten Königin aus und suchen sich ein neues Zuhause. Der Schwarm fliegt zunächst zu einem naheliegenden Ast und bildet eine kompakte Traube. Von dort fliegen Kundschafterbienen aus, die in einem Areal von rund 70 Quadratkilometern nach geeigneten Nistplätzen Ausschau halten. Wie Seeley herausfand, bevorzugen sie Hohlräume mit bestimmter Größe. Entscheidend sind auch regengeschützte und sonnenbeschienene Eingänge, die sich 6 Meter über dem Erdboden befinden.

Seeley ist nicht nur Wissenschaftler, sondern ist seit seiner Kindheit von den Honigbienen fasziniert. Detailliert schreibt er in seinem Buch „Bienendemokratie“ über Erlebnisse und Erfahrungen bei seinen unterschiedlichen Forschungsarbeiten. Er berichtet über seine Fragestellungen, beschreibt ausführlich seine Beobachtungen über das Verhalten der Bienen in ihrem natürlichen Umfeld und den Aufbau und die Durchführung seiner experimentellen Untersuchungen.

Abschließend vergleicht er die Mechanismen von Bienenschwarm und Primatengehirn und versucht, aus dem komplexen Entscheidungsprozess, der in einem Schwarm abläuft, nützliche Richtlinien für Menschengruppen zu entwickeln, deren Mitglieder gemeinsame Interessen haben und effektive kollektive Entscheidungen treffen wollen. Seeley präsentiert als Resultat seiner Bienenforschung „fünf Wege zur Effektivität“ bei kollektiven Entscheidungsfindungen.

Forschungsexpedition ins Reich der Bienen

Für Seeley sind Honigbienen mehr als nur ein reines Forschungsobjekt. In seinem populärwissenschaftlichen Buch „Bienendemokratie“ lässt er den Funken der Begeisterung und Faszination über diese sozialen Lebewesen und deren Zusammenleben überspringen. Ohne Fachjargon und in leicht verständlicher Erzählweise lässt er den Leser an seinen Fragestellungen und Versuchsaufbauten teilhaben und macht so eine mitreissende Forschungsexpedition in das Reich der Bienen erlebbar. Zum besseren Verständnis tragen auch zahlreiche Fotos, Diagramme und Statistiken bei. Das soziale Leben in einem Bienenvolk vermittelt er auf anschauliche Weise und gewährt tiefe Einblicke in fein abgestimmte Verhaltensweisen und ein hochentwickeltes Kommunikationssystem. Ob sich das hochentwickelte Verhalten der Honigbienen so einfach auf die Entscheidungsfindungen für menschliche Gruppen übertragen lässt, sei einmal dahin gestellt. Seeley veranschaulicht in seinem Buch wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse, um das komplexe soziale Zusammenleben der Honigbienen besser verstehen zu können. Ein Buch für alle, die von Honigbienen begeistert sind und mehr über diese faszinierenden, mehr als 40 Millionen Jahren alten Lebewesen erfahren möchten.

Kurz&Knapp: Lesenswert. Ein unterhaltsames und lehrreiches Buch über das faszinierende Sozialverhalten der Honigbienen und ihrer kollektiven Entscheidungsprozesse.

Thomas D. Seeley
Bienendemokratie
Wie Bienen kollektiv entscheiden und was wir davon lernen können
Taschenbuch, 320 S.
Fischer Taschenbuch, 2. Auflage, 2017

Auch als eBook erhältlich.

Thomas D. Seeley ist Professor am Fachbereich für Neurobiologie und Verhalten an der Cornell University. Er studierte in den 1970er Jahren bei den großen Verhaltensbiologen und Ameisenexperten Bert Hölldobler und Edward O. Wilson an der Harvard University und erforscht seitdem intensiv das Leben von Bienen. Für seine wissenschaftlichen Arbeiten wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. von der Alexander von Humboldt-Stiftung.

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