Die Roman-Rezension „Der Federndieb“ von Kirk Wallace Johnson

Johnson Der Federndieb, Quelle: Droemer HC

In dem True-Crime-Roman „Der Federndieb“ von Kirk Wallace Johnson kommt ein passionierter Fliegenfischer dem größten Museumsraub der Naturgeschichte auf die Spur. Die wahre Geschichte handelt von der Obsession für Lachsfliegen und ist ein eindringliches Plädoyer für den achtsamen Umgang mit der Natur.

Wer klaut einen Haufen toter Vögel? Erst einen Monat nach dem Einbruch im naturwissenschaftlichen Museum von Tring in der Nähe von London wurde 2010 der Diebstahl entdeckt. Es fehlten 299 Vogelbalge von Quetzal, Blue Chatterer und Paradiesvögel, darunter historische Exemplare des berühmten Naturforschers Alfred Russel Wallace. Das Motiv des Diebstahls war ebenso unklar wie seine Vorgehensweise. Der Täter, ein junger hochbegabter Flötist und Fliegenbinder, konnte zwar verhaftet werden und gestand die Tat, aber nur ein Teil der kostbaren Beute wurde sichergestellt. Die Ermittlungen wurden eingestellt und er kam frei, nachdem ein Psychologe, bei ihm das Asperger-Syndrom diagnostizierte.

Akribische Spurensuche

Als Kirk Wallace Johnson, engagierter Entwicklungshelfer, Flüchtlingsaktivist und passionierter Fliegenfischer, von dem wahnwitzigen Museumsraub hört, ist seine Leidenschaft entfacht. Er hat sich bisher über die Herkunft der Köderfliegen noch nie Gedanken gemacht. Er macht es sich zur Lebensaufgabe, den Verbleib der restlichen Beute auf die Spur zu kommen. Als Hobby-Dedektiv taucht Johnson tief in die Welt der Fliegenbinder ein, spürt den Museumseinbrecher auf und beleuchtet in mühevoller Kleinarbeit zahlreiche Ungereimtheiten des Falles.

Der True-Crime-Roman beleuchtet die Lebensgeschichte des Täters Edwin Rist, der nicht nur ein hochbegabter Musikstudent, sondern auch passionierter Fliegenbinder ist. Für aufwendig nach historischen Vorbildern der viktorianischen Zeit gebundene Lachsfliegen werden oft sehr seltene Federn und Materialien verwendet. Rists größter Traum ist es, einen unvergleichlichen Federnvorrat zu haben, der bis an sein Lebensende zum Fliegenbinden ausreicht. „In einer Gemeinschaft, die von dem Verlangen nach etwas Unerreichbarem bestimmt wurde, wäre er der King, und seine extravagant befiederten Fliegen hätten nicht ihresgleichen.“

Menschliche Abgründe

Johnson erzählt nicht nur spannend von der Suche nach den verschwunden Federn und Bälgen, der viktorianischen Kunst des Lachsfliegenbindens und dem Netz der eingeschworenen Fliegenbindergemeinde, sondern er gibt auch Einblicke in die Bedeutung von Tierpräparaten für die Naturwissenschaften und wandelt auf den Spuren des Naturforschers Alfred Russel Wallace. Er thematisiert weltweite Geschäftemacherei mit Federn und Bälgen seltener Vogelarten im 19. Jahrhundert und Gegenwart und taucht tief in menschliche Abgründe ein.

Der Roman, der auf einer wahren Geschichte basiert, zeigt, dass Besessenheit viele Gesichter hat. Besessen sind die einstigen Forscher und Sammler, die Fliegenbinder und schließlich auch Johnson selbst, der die Hintergründe des Federndiebstahls aufklären will und dafür weder Mühen noch Kosten scheut.

„Der Federndieb“ ist ein eindrucksvolles Buch über eine akribische Recherchearbeit, die in die exotische Welt der Fliegenbinder entführt. Es geht dabei nicht um den Diebstahl vom Aussterben bedrohter Elefanten und Nashörner, sondern um exotische Vögel mit bunten schillernden Federn. Der Raubbau an der Natur begann eigentlich schon im 19. Jahrhundert als Forscher wie Darwin und Wallace exotische Tiere für Forschungszwecke sammelten und nimmt mit den Artenschutzgesetzen kein Ende. Erforderlich ist ein Umdenken. Nicht die Besessenheit und Gier Einzelner sollte das Maß aller Dinge sein, sondern das Wohle aller einschließlich der Natur mit allen Tieren und Pflanzen. Bis dahin ist es wohl noch ein weiter Weg. Die Realität sieht anders aus und bis dahin schreiben Menschen wohl die unglaublichsten Geschichten.

Kurz&Knapp:Lesenswert. Eine ergreifende True-Crime-Geschichte, die von tiefen menschlichen Abgründen und der Schönheit der Natur handelt.

Kirk Wallace Johnson
Der Federndieb
Ein passionierter Fliegenfischer kommt dem größten Museumsraub der Naturgeschichte auf die Spur
Gebundene Ausgabe, 384 S.
Droemer HC, 2018

Auch als eBook erhältlich.

Kirk Wallace Johnson liebt Fliegenfischen. Beruflich aber schreibt der engagierte Publizist für den New Yorker, die New York Times oder Washington Post. Mit seiner Stiftung „List Project“ setzt er sich für Menschen im Irak ein – oder er steht mit der Angel hüfttief in einem Fluss und geht der Frage nach, wer die Köderfliege gebunden hat.

Ich danke Droemer HC für das Rezensionsexemplar.

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