Die Roman-Rezension „Marlow“ von Volker Kutscher

Kutscher Marlow, Quelle: Piper

Kriminalroman trifft Zeitgeschichte unterm Hakenkreuz. Auch seinem neuesten Fall „Marlow“ lässt Volker Kutscher seinen Kriminalkommissar Gereon Rath in Berlin unbeirrt seinen Weg weitergehen. Ein vielschichtiger Krimi, der historische Einblicke in das gesellschaftliche Leben der 1930er Jahren vermittelt.

Berlin, Spätsommer 1935. Die Nazis haben Deutschland gewaltig umgekrempelt, der Glanz der Zwanziger Jahre, wie in der TV-Serie „Berlin Babylon“ dargestellt, ist längst verschwunden und Angst und Denunziantentum machen sich breit.

In Kutschers siebtem Rath-Roman versucht Gereon sich mit den politischen Verhältnissen so gut es geht, zu arrangieren. Er fühlt sich in erster Linie als Kriminalist, der wie gewohnt seiner Arbeit nachgeht. Inzwischen ist er befördert worden, aber Kriminaldirektor Gennat lässt ihn bei der Kriminalpolizei am ausgestreckten Arm verhungern. Er bekommt nur gewöhnliche Fälle übertragen, darunter einen merkwürdigen Verkehrsunfall. Unter den Yorkbrücken ist ein Taxi ohne ersichtlichen Grund in einer Kurve geradeaus und mit hoher Geschwindigkeit gegen eine Mauer gefahren. Taxifahrer und Fahrgast waren sofort tot. Rath entdeckt eher zufällig brisante Unterlagen bei dem Toten, mutmaßlich war er Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS. Da Rath schon mal zu eigenwilligen Methoden greift, entledigt er sich sofort wieder der brisanten Dokumente.

Jeder geht seiner Wege

Doch der Fall lässt ihn keine Ruhe, auch nicht als er zum LKA wechselt. Ein Treffen mit Wilhelm Böhm, seinem alten Kollegen, der inzwischen als Privatdetektiv arbeitet, schreckt ihn auf, zumal die Vergangenheit seiner Frau Charly dabei eine wichtige Rolle zu spielen scheint. Es gibt Parallelen zu einem alten Fall, bei dem Charlys Vater unter merkwürdigen Umständen ums Leben kam. Charly hat Gereon davon nie erzählt und ihr Geheimnis für sich behalten.

Charly muss sich inzwischen als Anwaltsgehilfin und Privatdetektivin durchschlagen, da ihr als Frau eine Karriere als Juristin verwehrt ist. Für das Naziregime hegt sie nicht nur deshalb wenig Sympathie. Besonders in Sorge ist sie, weil ihr Pflegesohn Fritze als Hitlerjunge auf den langen Marsch zum Reichsparteitag nach Nürnberg ist, und befürchtet dass die Teilnahme ihn endgültig zu einem begeisterten Nazi macht.

Bei den Ermittlungen stößt Rath auch auf einen alten Bekannten, den Gangsterboss Johann Marlow, der dem Roman den Titel gab, und der neuerdings als „ehrenwertes“ Mitglied der SS im Hintergrund seine Fäden zieht. Seine illegalen Geschäfte hat er abgestoßen und nutzt nun die Notlage anderer aus. Rath, der anfangs ignoriert, wie das alltägliche Leben der Menschen und auch die Arbeit der Polizei vom NS-Regime beeinflusst werden, wird schließlich deutlich vor Augen geführt, dass er wohl seine phlegmatische Haltung überdenken muss…

Ermittler mit Eigenheiten und Marotten

„Marlow“ ist ein vielschichtiger Kriminalroman, der mehrere Handlungsstränge elegant verbindet und so für viel Unterhaltung und Spannung sorgt. Kutscher zeichnet aber kein glattes Schwarz-Weiß-Bild, sondern seine Protagonisten haben ihre Eigenheiten und Marotten. Rath ist zwar ein guter Kriminalist, aber auch er macht Fehler und hält sich nicht immer an die Dienstvorschriften. Besonders beeindruckend die Szene, wo Rath beim Nürnberger Parteitag sich von der Euphorie und Begeisterung für die Hitler und die Nazis mitreißen lässt, und ihm erst hinterher darvon übel wird.

Kutscher versteht es, durch viele kleine Details, die damalige Zeit und den Schauplatz Berlin und die Nürnberger Reichsparteitage wieder lebendig werden zu lassen. Er schildert die Strömungen, die zu dieser Zeit die Gesellschaft prägten und die immer mehr in einen kollektiven Wahn abdriftet. Antisemitismus, Opportunismus und Denunziantentum nehmen zu, Recht und Gesetz haben immer weniger Bedeutung. Kutscher thematisiert in „Marlow“ neben einer spannenden, vielschichtigen Krimihandlung facettenreich den zunehmenden Einfluss der Nationalsozialisten auf die Gesellschaft.

Kurz&Knapp: Lesenswert. „Marlow“ ist ein spannender, raffinierter Krimi und zugleich ein historischer Roman über die NS-Zeit vor dem 2. Weltkrieg.

Volker Kutscher
Marlow
Der siebte Rath-Roman (Die Gereon-Rath-Romane, Band 7)
Gebundenes Buch, 528 Seiten
Piper, 2018

Auch als eBook erhältlich.

Volker Kutscher, geboren 1962, arbeitete nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte zunächst als Tageszeitungsredakteur und Drehbuchautor, bevor er seinen ersten Kriminalroman schrieb. Heute lebt er als freier Autor in Köln. Mit dem Roman „Der nasse Fisch“ (2007), dem Auftakt seiner Krimiserie um Kommissar Gereon Rath im Berlin der Dreißigerjahre, gelang ihm auf Anhieb ein Bestseller, dem bisher fünf weitere folgten. Die Reihe ist die Vorlage für die internationale Fernsehproduktion „Babylon Berlin“.

Ich danke dem Piper Verlag für das Rezensionsexemplar.

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