Die Buch-Rezension „Die Wiese“ von Jan Haft

Haft Die Wiese, Quelle: Penguin

Traumhafte Sommerwiesen mit gelb blühenden Pflanzen, summenden Hummeln und zirpenden Heuschrecken sind rar geworden. In seinem Buch „Die Wiese“ zeichnet der Natur- und Tierfilmer Jan Haft ein eindrucksvolles Porträt eines bedrohten und einzigartigen Lebensraumes für Flora und Fauna.

Die Zahl der Insekten und auch die Vielfalt der Insektenarten haben in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland stark abgenommen. Ursache dafür sind Monokulturen, Pestizideinsatz und Versiegelung der Böden, aber auch fehlende Blumenwiesen haben eine enorme Auswirkung. Der Natur- und Tierfilmer Jan Haft hat sich des kaum beachteten Lebensraums Wiese angenommen und zeichnet ein eindrucksvolles Porträt dieses einzigartigen Naturraumes.

Entstehung der Wiesenlandschaften

Bereits in seiner Jugend begeisterte Haft sich für die Natur, besonders für alles, was da kreucht und fleucht. Später zog er in ein altes Bauernhaus im Isental in der Nähe von München. Er stellte fest, dass die Wiesen dort anders als die Wiesen seiner Kindheit waren. Zwischen den Halmen der Gräser gab es nur wenige Schmetterlingen, Heuschrecken und andere Insekten.

Wiesen werden allgemein als „Grünland“ bezeichnet, das sind landwirtschaftlich genutzte Flächen, auf denen Kräuter und Gräser in Dauerkultur gedeihen. Je nach Standort, Klima und Nutzung gibt es in Deutschland gut 60 historisch entstandene Arten, die in Mähwiesen und Tierweiden unterteilt sind. Ein Drittel aller heimischen Farn- und Blütenpflanzen findet sich hauptsächlich auf Wiesen und Weiden. Dazu kommen rund 3500 Tierarten, darunter Käfer, Heuschrecken, Zikaden und Schmetterlinge. Eine große Bedeutung haben Wiesen auch für Vogelarten, die ihre Nester am Boden zwischen Gräsern und Kräutern bauen.

Großflächige Graslandschaften entstanden vermutlich vor rund 3500 Jahren, als das Klima in Europa kühler und feuchter wurde. Die Bewirtschaftung von Wiesen lässt sich seit der Eisenzeit dank archäologischer Funde von Sensen nachweisen. Wiesen sind auf den menschlichen Eingriff angewiesen, der entscheidend für die Flora und Fauna ist.

Niedergang der Wiesen

Der Niedergang der Wiesen begann 1953 mit dem Flurbereinigungsgesetz und der Änderung des Pflegekonzepts. Es würde häufiger gemäht und immer mehr Dünger kam zum Einsatz. Hinzu kam später eine großflächige Umwandlung von Wiesen in Ackerland. „Kein anderer Lebensraum ist in Deutschland auch nur annähernd so bedroht wie die Blumenwiese“, stellt der Naturfilmer fest.

Haft regt eine gesellschaftliche Debatte darüber an, ob wir blühende Wiesen wollen oder nicht. Für ihn muss Biodiversität zum Agrarprodukt werden, sonst verkommt die Landschaft zu einem „Gewerbegebiet der nahrungsmittelproduzierenden Industrie“. Haft beschreibt aber nicht nur seine Vision einer lebenswerten Zukunft, sondern engagiert sich auch persönlich seit vielen Jahren für Wiesen samt Flora und Fauna. Besonders am Herzen liegt ihm der Wiesenknopf-Ameisenbläuling, der den Großen Wiesenknopf Rote Knotenameise braucht, um Überleben zu können.

Plädoyer für lebenswerte Zukunft

„Die Wiese“ ist ein facettenreiches Buch über einen einzigartigen Naturraum, dem bisher im Gegensatz zum Wald kaum Beachtung geschenkt wird. Haft zeichnet ein eindrucksvolles Porträt der Wiese mit seiner Flora und Fauna. Er hat nicht nur eine Fülle von interessanten Fakten zusammengetragen, sondern erzählt auch von vielen privaten und beruflichen Begegnungen mit der Pflanzen- und Tierwelt der Wiesenlandschaften. Durch seine Berichte und durch eindrucksvolle Detailfotos von pflanzlichen und tierischen Bewohnern der Wiesen schärft er den Blick für eine unglaubliche und faszinierende Vielfalt, die heute kaum noch bemerkt wird. Sein Buch ist ein lebendiges Porträt eines Naturraumes, dessen massiver Rückgang weitreichende Auswirkungen hat und ein leidenschaftliches Plädoyer für stärkeres Engagement nicht nur des Naturschutzes, sondern jedes Einzelnen, um eine lebenswerte Zukunft zu schaffen.

Kurz&Knapp: Lesenswert. Ein facettenreiches, eindrucksvolles Porträt über die Wiese, einem wichtigen, kaum beachteten Lebensraum für Pflanzen und Tiere.

Jan Haft
Die Wiese
Lockruf in eine geheimnisvolle Welt
Hardcover, 256 S.
Penguin Verlag, 2019

Auch als eBook erhältlich.

Der Biologe Jan Haft, geboren 1967, ist ein vielfach ausgezeichneter Natur- und Tierfilmer. Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern auf einem Bauernhof im Isental bei München. Eine seiner Lieblingswiesen liegt gleich neben dem Hof. Sein letzter Film „Die Wiese – ein Paradies nebenan“ erschien im April 2019.

Ich danke Penguin Verlag/Random House für das Rezensionsexemplar.

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