Die Buch-Rezension „Der heilige Hain“ von Christian Rätsch

Rätsch Der heilige Hain, Quelle: AT Verlag

Unserem schamanischen Erbe und der germanischen Mythologie widmet sich Christian Rätsch in seinem Buch „Der heilige Hain“. Neben nordischen Göttern, Ritualen und Traditionen beleuchtet er Heilpflanzen, Rauschmittel, Räuchermittel und den Wald als heiligen Tempel.

Auf Spurensuche nach dem Schamanismus bei unseren germanischen Vorfahren und ihren Zauberpflanzen macht sich der bekannte Ethnopharmakologe Christian Rätsch in seinem Buch „Der heilige Hain“. Viele Europäer fühlen sich heutzutage von Schamanen aus den entlegensten Teilen der Erde angezogen, dabei haben wir früher all das gehabt, was wir in exotischen Kulturen suchen, meint Rätsch. „Die germanische Kultur wurde von einer schamanischen Mythologie getragen, ihre Spiritualität wurde durch heilige Pflanzen, psychoaktives Räucherwerk und Rauschtränke inspiriert.“ Für Rätsch ist der Gott Wotan (= Odin) der Urschamane, der schamanistischste aller indogermanischen Götter.

Germanische Mythologie und Götter

Der heilige Hain war für die Germanen ein heilender und göttlicher Wald. Die Bäume waren Gottheiten und die Pflanzen hatten Zauberkräfte. „Der heilige Hain ist nicht ein bestimmter Wald oder ein abgegrenztes Waldstück – der Heilige Hain ist in erster Linie ein Bewusstseinszustand. Nur wer die Heiligkeit der Natur wahrnehmen kann, sieht den Heiligen Hain – nicht mit dem Auge, sondern mit dem Herzen.“

Rätsch geht in seinem Buch auf die Bedeutung der wichtigsten nordischen Götter Wotan, Thor, Baldar und Frey ein, widmet sich der Wahrsage- und Zauberkunst mit Runen und Alrunen sowie dem Weltenbaum und den heiligen Bäumen. Den Weihnachtsbaum deutet er als ein Abbild des Weltenbaumes.

Zauberpflanzen und -tränke

Jeder Pflanze kann eine Zauberpflanze sein, wenn wir in ihr das Wunder der Natur, das Mysterium des Lebens und die Schönheit ihrer Erscheinung erkennen. „Dann kann uns jede Pflanze bezaubern, unseren Geist entrücken und unser Bewusstsein mystisch erfüllen.“ Durch ihren Zweck und Gebrauch kann man sich mit der Natur und mit der Mythologie verbinden, meint Rätsch. „Dann dient die Zauberpflanze als Orientierung im natürlichen Universum und im schamanischen Kosmos.“

Neben der Anwendung und Wirkung von Ritual- oder Heilpflanzen geht der Ethnopharmakologe Rätsch in einem Buch natürlich auch immer wieder auf die psychoaktiven Zauberpflanzen ein. Sie enthalten Wirkstoffe, die pharmakologisch auf das Nervensystem und Gehirn des Menschen einwirken, so dass das Bewusstsein und die Wahrnehmung temporär verändert werden. Bilsenkraut, Hanf, Nachtschatten und Waldmeister waren germanische Zauberpflanzen. Zu den Zaubertränken gehörte auch das sagenumwobene Met, das mit dem heutigen honigsüßen Getränk wohl nicht viel gemeinsam hatte. Die Germanen stellen unterschiedlich schmeckende und wirkende Gebräue her. Neben Zauberpflanzen gab es auch bei uns Pilze die eine magische Rolle spielten. Der keltische Giftschwamm Bwyd-Ellylon gehört zu den „Leckerbissen der Elfen“ und Zunderschwämme ergeben getrocknet feinen Zunder.

Auch das Räuchern, nicht nur zu den Rauhnächten, gehörte zur germanischen Kultur. Viele heimische Räuchermittel dienten zur Reinigung und zum Schutz von Mensch, Haus und Hof. Sie schützten vor Krankheiten, Dämonen und Hexen oder dienten als Liebeszauber.

Schamanische Wurzeln

In seinem Buch „Der heilige Hain“ unternimmt Rätsch einen ethnobotanischen und mythologischen Streifzug durch die Welt der Germanen. Natürlich geht Rätsch besonders auf die Vielzahl der Heilkräuter und psychoaktiven Zauberpflanzen ein und stellt überlieferte Kräutermischungen und Zaubertränke vor. Er begibt sich auf spannende Spurensuche nach dem vielschichtigen schamanischen Erbe unserer Kultur. Den Germanen war die Natur, wie anderen indigenen Völkern auch, wichtig und heilig. Sie kannten sich mit den in Pflanzen und Kräuter innewohnenden heilenden und bewusstseinverändernden Kräften aus und wussten sie zu nutzen. Zauberpflanzen und Hexensalben sind nichts anderes als alte überlieferte Hilfsmittel für Reisen in die Anderswelt, die von der einstigen ausgeprägten schamanischen Kultur zeugen. Rätsch legt in seinem Buch die Wurzeln unserer schamanischen Tradition frei und lädt ein, raus in die Natur zu gehen und sich mit den Pflanzen vor unserer Haustür intensiver zu beschäftigen.

Kurz&Knapp: Lesenswert. Ein ethnobotanischer und mythologischer Streifzug zu unseren schamanischen Wurzeln.

Christian Rätsch
Der heilige Hain
Germanische Zauberpflanzen, heilige Bäume und schamanische Rituale
Gebundenes Buch, 120 S.
AT Verlag; 7. Auflage, 2017

Christian Rätsch, Ethnologe und Ethnopharmakologe, Referent und Autor, studierte Altamerikanistik, Ethnologie und Volkskunde. Seit vielen Jahren erforscht er weltweit schamanische Kulturen und deren Gebrauch psychoaktiver Pflanzen. Autor von zahlreichen Büchern.

Ich danke dem AT Verlag für das Rezensionsexemplar.

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