Die Buch-Rezension „Die Eibe in neuem Licht“ von Fred Hageneder

Hageneder Eibe, Quelle: Neue Erde

Die Eibe ist ein fast vergessener Baum unserer Wälder, der voller botanischer Besonderheiten und voller Magie steckt. In seinem reich bebilderten Buch „Die Eibe in neuem Licht“ unternimmt Fred Hageneder eine faszinierende Reise durch Zeiten und Kontinente auf den Spuren des „heiligen“ Baumes.

In Deutschland gibt es nur noch wenige Orte, an denen Eiben in nennenswerter Zahl zu finden sind. Der Bekannteste ist der Paterzeller Eibenwald in der Nähe von München. Grund dafür ist die jahrhundertelange rücksichtslose Abholzung, die bereits im Spätmittelalter begann. Das harte und gleichzeitig elastische Eibenholz war für die englischen Langbögen sehr gefragt. Auch als Material für Möbel und Musikinstrumente war die Eibe sehr beliebt.
Die europäische Art Eibe (Taxus baccata) ist die älteste Baumart Europas, die sich vor 600.000 Jahren angesiedelt hat. Andere Eibenarten finden sich auf der gesamten Nordhalbkugel bis hin nach Südostasien. Die Eibe ist ein immergrüner, harzloser Baum, der extrem langsam wächst. Eiben erkennt man leicht an ihren kleinen roten Früchten, dessen Fruchtfleisch als einziger Bestandteil für Menschen nicht giftig ist.

Wunderwerk der Natur

Im ersten Teil des Buches erläutert Hageneder die biologischen Eigenschaften der Eibe. Unter dem Oberbegriff „Natur“ beschreibt er nicht nur detailliert die einzelnen Bestandteile der Eibe, sondern auch Bestäubung und Befruchtung, Verjüngung und Regerationsfähigkeit. Hageneder versteht es, die botanischen Aspekte der Eibe, die äußerst ungewöhnlich und manchmal sogar einzigartig sind, leicht verständlich zu vermitteln. Einzigartig ist die Fähigkeit der Eiben zur Regeneration. Sie wachsen extrem langsam und überdauern jede andere Baumart in Europa um ein Vielfaches. Nach Jahrhunderten beginnen die Eibenstämme, hohl zu werden und es bilden sich sogenannte Innenwurzeln. Der Baum lebt weiter und es ist unmöglich, sein genaues Alter zu bestimmen.

Religiöse Verehrung der Eibe

Im zweiten Teil des Buches dreht sich alles um die Kulturgeschichte der Eibe. Der „heilige Baum“ ist seit Urzeiten mit den zentralen Themen der menschlichen Existenz von Geburt und Tod, Transformation und der Suche nach Unsterblichkeit verknüpft. Eibenholzartefakte mit religiöser Bedeutung lassen sich 150.000 Jahre zurückverfolgen. Kaum ein anderer Baum der Welt findet sich so häufig in Mythologie, Volksbrauchtum und Religionsgeschichte wieder wie die Eibe. Selbst im Christentum, wo die Verehrung von Bäumen und Quellen unterdrückt wurde, wurde die Eibe auf den Kirch- und Friedhöfen vieler Länder gepflanzt. Im Laufe der Kulturgeschichte der Menschheit geriet die Verehrung der Eibe aber zunehmend in Vergessenheit. Hageneder begibt sich auf eine spannende Spurensuche, die bis in die früheste Epoche der Menschheitsgeschichte reicht. Für ihn symbolisierte die Eibe und nicht die Eberesche den Weltenbaum oder Baum des Lebens, wie er nachvollziehbar belegt. Auch der Weihnachtsbaum im deutschsprachigen Raum war ursprünglich eine Eibe.

Hüter des Lebens

Hageneder beleuchtet in seinem Buch „Die Eibe in neuem Licht“ populärwissenschaftlich und unterhaltsam jedes Detail des Baumes und folgt seiner Spur durch Jahrtausende und über mehrere Kontinente. Er spannt einen Bogen zwischen Urzeit und Moderne und zwischen Spiritualität und Wissenschaft und lässt Erkenntnisse aus Ethnologie, Religions- und Kulturgeschichte, Botanik, Dendrologie und Ökologie einfließen. Faszinierend allein die vielen Fotografien von alten Eiben auf der ganzen Welt, die den besonderen Charakter dieser Baumart widerspiegeln. Hageneder entreißt mit seinem Buch diesen „heiligen“ Baum aus der Dunkelheit der Geschichte und führt auch plausibel die Gründe an, die dazu führten. Die Eibe, die die Menschheit seit Jahrtausenden begleitete, verdient es wahrlich, wieder mehr beachtet zu werden. Es ist ein Baum der voller botanischer Besonderheiten und voller Magie steckt, und vielleicht sogar einst der Baum des Lebens war. Der Autor legt dar, dass der Umgang mit diesem Baum über die Jahrtausende deutlich die Entfremdung von Mensch und Natur widerspiegelt. Das Buch, das zugleich Bildband, populärwissenschaftliches Lehrbuch der Botanik und ein Buch über die Kulturgeschichte und Mythen der Menschheit ist, ist ein eindrucksvoller Weckruf mit den Wunderwerken der Natur anders umzugehen und von ihnen wieder zu lernen.

Kurz&Knapp: Absolut lesenswert. Ein facettenreiches, reich bebildertes Buch über die Botanik und der Kulturgeschichte der Eibe.

Fred Hageneder
Die Eibe in neuem Licht
Gebundenes Buch, 320 S.
Verlag Neue Erde, 2007

Fred Hageneder erforscht seit 1980 mit Hingabe die Bäume und Archäologie. Fred ist ein führender Autor auf dem Gebiet der Ethnobotanik und der kulturellen und spirituellen Bedeutung der Bäume.

Ich danke den Verlag Neue Erde für das Rezensionsexemplar.

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