Die Thriller-Rezension „Der Wanderer“ von Luca D’Andrea

Der Wanderer, Quelle: Penguin Verlag

In seinem neuesten Thriller „Der Wanderer“ präsentiert Luca D’Andrea ein dunkles und verworrenes Geflecht aus Lügen, Gewalt und Okkultismus. Ein abgelegener Bergsee in den Südtiroler Alpen birgt dunkle Geheimnisse und der Selbstmord einer jungen Frau wirft viele Fragen auf.

Der Schriftsteller Tony und sein übergewichtiger Bernhardiner treffen auf eine junge Frau, die auf ihrer Enduro halsbrecherisch durch die Gegend rauscht. Die impulsive Sybille hält ihm ein altes Foto hin. Zwanzig Jahre nachdem man ihre Mutter Erika die Narrische an einem abgelegenen Bergsee in der Nähe des kleinen Südtiroler Bergdorfes Kreuzwirt gefunden hatte, erhielt sie das Foto in einem anonymen Brief. Es zeigt ihn lächelnd neben der Leiche von Erika. Damals glaubten alle an Selbstmord, jetzt hat Sibylle Zweifel. Und welche Bedeutung hat „Das Lächeln des Kolibris“, ein Zeichen, dass in den Sand gemalt war?

Treibt ein Geist sein Unwesen?

Gemeinsam mit Tony, der damals als junger Lokaljournalist vor Ort war, macht sie sich auf die Suche nach der Wahrheit. In Kreuzwirt gibt es scheinbar nur gute Luft und Geranien vor den Fenstern. Jeder kennt jeden und jeder weiß alles von jedem. Je mehr sie nachforschen, desto mehr Verbindungen, Widersprüche und Zufälle tauchen auf. Sie stoßen auf ein dunkles Geflecht aus Lügen, Eifersucht, Verrat und Gewalt. Bald stellen sie fest, dass Erika nicht das einzige Opfer war. Ein Geist, der Wanderer, soll im Tal sein Unwesen treiben. Und jemand versucht, sie mit allen Mitteln von weiteren Nachforschungen abzuhalten. „Wenn du lange genug in einen Abgrund schaust, schaut der Abgrund zurück, in dich hinein.“

Anfangs will der neue Thriller von D’Andrea nicht so recht Fahrt aufnehmen. Nach der rasanten Begegnung zwischen Tony und Sybille passiert erstmal nicht allzu viel. Die Beiden tauschen ihre Erkenntnisse über die damaligen Vorfälle aus und bei ihren Recherchen stoßen sie auf eine Reihe zwielichtiger Personen, mit denen sie auch nicht gerade zimperlich umgehen. Je weiter der Thriller fortschreitet, desto düsterer, geheimnisvoller und verwickelter entwickelt sich die Geschichte.

Verwirrende Machenschaften

„Der Wanderer“ reicht bei Weitem nicht an das Niveau seiner beiden Vorgängerromane heran. Fast scheint es als wollte D’Andrea seinem neuesten Thriller einen anderen Anstrich geben als seine Vorgänger, was ihm aber reichlich misslingt. Die beeindruckende Berglandschaft tritt in den Hintergrund und ist nur noch austauschbare Kulisse, obwohl ein Bergsee tiefe Geheimnisse birgt. D’Andrea schafft ein verwirrendes Netz aus Drogen, Gewalt und Prostitution, den umtriebigen Machenschaften einer reichen Familien und Umweltkriminalität sowie Okkultismus, Horror und Wahn. Der berühmte Funke will da nicht so recht überspringen, zumal es auch einige Ungereimtheiten und viele flapsige Formulierungen gibt.

Kurz&Knapp: Enttäuschend. Ein Thriller mit vielen dunklen Geheimnissen, bei dem nicht so recht Spannung aufkommen will.

Luca D’Andrea
Der Wanderer
Paperback, 384 S.
Penguin Verlag

Auch als eBook erhältlich.

Luca D’Andrea wurde 1979 in Bozen geboren, wo er heute noch lebt. Er stieg mit seinem ersten Thriller sofort in die Riege der internationalen Top-Autoren auf: „Der Tod so kalt“ erschien in rund 40 Ländern und stand wochenlang stand unter den ersten 5 der Spiegel-Liste. Gegenwärtig wird Thriller verfilmt. Luca d’Andreas zweites Buch, „Das Böse, es bleibt“, ebenfalls ein Spiegel-Bestseller, wurde mit dem Premio Scerbanenco, dem renommiertesten italienischen Krimipreis, ausgezeichnet.

Ich danke Penguin Verlag/Random House für das Rezensionsexemplar.