Die Roman-Rezension „Der zweite Schlaf“ von Robert Harris

Der zweite Schlaf, Quelle: Heyne

Das Mittelalter kehrt zurück. Die Kirche regiert die Welt und Technologien sind Teufelswerk. In seinem spannenden und unterhaltsamen Zukunftsroman „Der zweite Schlaf“ lässt der britische Bestellerautor Robert Harris Großbritannien nach der Apokalypse wieder ins 15. Jahrhundert zurückfallen und wirft aktuelle gesellschaftliche Fragen auf.

Der junge Priester Christopher Fairfax wird im April des Jahres Unseres Auferstandenen Herrn 1468 vom Bischof von Exeter in ein kleines Dorf im Westen Englands entsandt, um einen älteren Pfarrer zu beerdigen. Fairfax stellt fest, dass der Pfarrer unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommen ist. In seinem Arbeitszimmer findet er verbotene Briefe und Bücher sowie Münzen, Scherben, eine Plastikpuppe ohne Augen und einen länglichen Gegenstand mit einem angeknabberten Apfel als Logo. In seiner Gegend suchte der Pfarrer nach archäologischen Artefakten. Hat diese ungewöhnliche Leidenschaft zu seinem Tod geführt? Schließlich gilt das Sammeln von Gegenständen aus der Vergangenheit mittlerweile als Ketzerei.

Spätestens an dieser Stelle wird klar, dass es sich nicht um einen mittelalterlichen Roman handelt, sondern um einen Zukunftsroman mit einer Welt, die nach der Apokalypse in die Zeit vergangener Jahrhunderte zurückgefallen ist. Doch woran ging die alte Welt zugrunde? Der junge Fairfax macht sich gemeinsam mit der verarmten Lady Durston und ihren beherzten Verehrer Captain Hancock auf die Suche.

Die Welt nach der Apokalypse

Bestsellerautor Robert Harris hat mit „Der zweite Schlaf“ einen spannenden, mitreißenden und intelligenten Roman geschrieben, der atmosphärisch dicht die Zeit des Mittelalters wieder aufleben lässt. Mit stimmungsvollen und authentisch wirkenden Beschreibungen und Begebenheiten sowie faszinierenden Charakteren lässt er den Leser tief in die Vergangenheit eintauchen. Gleichzeitig greift er geschickt aktuelle zeitgeschichtliche Themen auf. Die Auswirkungen von Atom- und Cyberkriegen oder des Klimawandels mit Naturkatastrophen und Pandemien sind heute noch nicht abzusehen, aber dass sich die Welt verändern wird, ist mittlerweile wohl unausweichlich. Und was wird danach sein?

Harris zeichnet ein erschreckendes Bild der Welt nach der Apokalypse. Die Kirche hat wieder mit strengen Glaubensvorschriften die absolute Macht übernommen. Sie erklärt den technischen Fortschritt als Teufelswerk und Quelle allen Übels. „Schon Jahrhunderte zuvor hatte die Kirche im Rahmen ihrer Ablehnung des Szientismus die modernisierten, ketzerischen Texte aus der Zeit vor der Apokalypse ausgemerzt und war im christlichen Gottesdienst zur Sprache der King-James-Bibel zurückgekehrt“, schreibt Harris. Zu einer Sprache, die „bereinigt von allen Ausdrücken, die auch nur entfernt an Wissenschaft erinnern könnten“. Die Wahrheit über die Umstände der Katastrophe im Jahre 2025 darf nicht ans Licht kommen. Danach hat man ab 666 weitergezählt. Andersdenkende werden unterdrückt und altes Wissen geleugnet.

Der britische Bestellerautor liefert aber in seinem Roman „Der zweite Schlaf“ keine klaren Antworten auf die Ursachen der Katastrophe, sondern er regt zum Nachdenken an und wirft viele Fragen auf. Wie sieht die Zukunft aus? Was wird von unserer Zivilisation erhalten bleiben? Werden die Überlebenden wieder in mittelalterliche Verhältnisse zurückfallen? Harris hält mit seinem Roman aber auch auf erschreckende Weise der Gesellschaft den Spiegel vor. „Alle Zivilisationen hielten sich für unverwundbar. Die Warnung der Geschichte lautet: Dem ist nicht so.“ „Der zweite Schlaf“ zeigt, was passieren kann, wenn wir unsere Probleme nicht in den Griff bekommen.

Kurz&Knapp: Absolut lesenswert. Ein faszinierender Zukunftsroman, der sehr nachdenklich stimmt.

Robert Harris
Der zweite Schlaf
Gebundenes Buch, 416 S.
Heyne Verlag, 2019

Ich danke Heyne/Random House für das Rezensionsexemplar.