Die Roman-Rezension „Schwarzer Leopard, roter Wolf“ von Marlon James

Schwarzer Leopard roter Wolf, Quelle: Heyne Hardcore

Geheimnisvolle Gestaltwandler, Hexen und Geistbeschwörer besiedeln den vielschichtigen Fantasy-Roman „Schwarzer Leopard, roter Wolf“ des jamaikanischen Autors Marlon James, der tief in die afrikanische Mythologie eintaucht. Ein sprachgewaltiges Buch voller faszinierender und teilweise recht bizarrer Geschichten.

Ein afrikanischer Jäger mit einem ausgeprägten Geruchssinn, der nur einfach Sucher genannt wird, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er soll für den Sklavenhändler Kasawura einen Jungen aufspüren, der vor drei Jahren spurlos verschwand. An seiner Seite befindet sich eine illustre Schar, darunter ein gestaltwandelnder Leopard, der Orgo Sadogo, die Mondhexe Sogolon, der Wassergeist Bunshi und zwei Söldner. Die Fährte des Jungen führt die Gruppe durch eine Reihe von exotischen Ländern, Wäldern und Städten, die mit allerlei Gestaltwandlern, Hexen und bizarren Gestalten besiedelt sind. Aber schon am Anhang des Romans ist klar, wie die Suche enden wird. “Das Kind ist tot. Weiter gibt es nichts zu wissen.“ Die Suche entpuppt sich als Weg voller Irrwege, Sackgassen und falsch gelegter Fährten. Ein vielschichtiges Spiel mit Wahrheit und Lüge. Fast scheint es so, als habe James die Suche so strukturiert, dass alle Versuche, den Jungen zu finden, absichtlich vereitelt werden.

Sagenhaftes Afrika

Erzählt wird die Geschichte von der Suche nach dem Jungen nicht aus der Sicht der Hauptperson, sondern von einer dritten Person, dem Inquisitor, somit erfährt der Leser anfangs auch den Werdegang vom Sucher, bevor er sich aufmacht, den Jungen zu suchen. Er ist auch der gleichnamige rote Wolf des Buchtitels, der ein verlorenes Auge durch ein Wolfsauge ersetzt hat, das ihm hilft, im Dunkeln zu sehen. Auf seiner Suche begegnet er eine Vielzahl von sonderbaren Gestalten, darunter einem kleinen Mädchen aus blauem Rauch, der Antihexe Sangoma, einem vampirischen Blitzvogel und finsteren Geisterbeschwörern. Eine Auflistung der Figuren am Anfang des Buches erlaubt es, den Überblick zu behalten.

James erzählt in seinem Buch „Schwarzer Leopard, roter Wolf“ keine epische Geschichte, sondern liefert ein Mosaik von Geschichten, die teils mystisch, aber auch voller Sex, Gewalt und Grauen daherkommen. Es ist eine vielstimmige, chaotische Geschichte voller Geschichten, bei der es teils schwerfällt, den roten Faden zu entdecken. Auch die Figuren lassen sich nicht recht einordnen, öfters pendeln sie zwischen Gut und Böse.

„Schwarzer Leopard, roter Wolf“ ist kein einfach zu lesendes Buch, das eine gradlinige Geschichte erzählt, sondern es ist eher ein buntes chaotisches Mosaik aus einer Vielzahl von mystischen, teils recht bizarren bis hin zu schockierenden Geschichten. Aber Afrika ist auch kein einheitliches Gebilde, sondern besteht aus 53 Staaten, in denen über 900 Millionen Menschen leben und über 2000 Sprachen gesprochen werden. Eine einheitliche Mythologie sucht man da vergeblich, und genau dies verdeutlicht James in seinem sprachgewaltigen Roman. „Schwarzer Leopard, roter Wolf“ ist kein Buch, das man nebenbei lesen kann. James erschafft auf den über 800 Seiten starken Auftaktband seiner Trilogie ein mythisches afrikanisches Universum, das gleichermaßen fasziniert und schockiert.

Kurz&Knapp: Bedingt empfehlenswert. Ein ungewöhnlicher Fantasy-Roman voller afrikanischer Mythologie.

Marlon James
Schwarzer Leopard, roter Wolf
Dark Star 1. Roman
Gebundenes Buch, 832 S.
Heyne Hardcore, 2019,

Marlon James, geboren 1970 in Kingston auf Jamaika, gilt als einer der bedeutendsten Literaten seiner Generation. Seine Romane wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen geehrt. Unter anderem erhielt James als erster Jamaikaner den Man Booker Prize. Das „Time Magazine“ zählte ihn zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten 2019. James lebt heute in Minneapolis, Minnesota.

Ich danke Heyne Hardcore/Random House für das Rezensionsexemplar.