Die Roman-Rezension „Die Letzten ihrer Art“ von Maja Lunde

Die letzten ihrer Art, Quelle: btb

Drei bewegende Geschichten von Menschen aus drei Epochen, die sich leidenschaftlich für den Erhalt einer mongolischen Pferderasse einsetzen, vereint der Roman „Die Letzten ihrer Art“. Die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde thematisiert eindrucksvoll den Umgang der Menschheit mit der Natur und mögliche Folgen des Klimawandels.

Pferde stehen im Mittelpunkt des Romans „Die Letzten ihrer Art“, genauer gesagt ganz besondere Pferde. Przewalski-Pferde, eine Unterart des Wildpferds, galten lange Zeit als ausgestorben. Wie in den ersten beiden Romanen „Die Geschichte der Bienen“ und „Die Geschichte des Wassers“ verbindet die norwegische Autorin Maja Lunde Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einer bewegenden Geschichte um den Erhalt einer seltenen Pferderasse.

Von Pferden und Menschen

Lunde erzählt von drei Menschen, denen das Schicksal der seltenen Pferderasse besonders am Herzen liegt und die sich für die Rettung der vom Aussterben bedrohten Art bedingungslos einsetzen. Der Zoologe Michail aus Sankt Petersburg erhält 1883 den Schädel eines getöteten Wildpferdes. Er ist begeistert, er könnte von einem Urpferd stammen, das eigentlich seit Tausenden von Jahren als ausgestorben gilt. „Das Pferd aus den Mythen, von den Höhlenzeichnungen, Vorfahre aller anderen Pferde.“ Mithilfe des Tierfängers Wolff plant er eine Expedition in die mongolische Steppe, um Przewalski-Pferde für seinen Zoo als Attraktion zu fangen.

Fast hundert Jahre später entlässt die deutsche Tierärztin Karin eine Herde Wildpferde in ihrer Urheimat Mongolei in die Freiheit. Begleitet wird sie von ihrem Sohn Mathias, der gerade einen Entzug hinter sich hat.

In einer nicht so fernen Zukunft lebt 2064 Eva mit ihrer Tochter Isa in Norwegen allein auf einem Hof mit bedrohten Tierarten, darunter zwei Przewalski-Pferde. Fast alle anderen Bewohner haben die Region verlassen und sind nach Norden gewandert, weil sie sich dort nach dem Klimakollaps bessere Lebensbedingungen erhoffen. Die Vorräte schwinden und eine normale Landwirtschaft ist fast nicht mehr möglich. Ihre Tochter Eva drängt zum Aufbruch, da stößt die junge Louise zu den beiden Frauen, die Zuflucht auf dem Hof sucht.

Nach dem Klimakollaps

Maja Lunde ist eine begnadete Geschichtenerzählerin. Es gelingt ihr, von Anfang den Leser am Schicksal der Pferde und der Menschen mit ihren Freuden und Nöten teilhaben zu lassen. Sie zeichnet ein lebendiges Bild der unterschiedlichen Zeitepochen und lotet die Charaktere vielschichtig aus. Eva beispielsweise lebt mit ihrer Tochter ein karges Leben, abgeschieden von anderen Menschen. Das Klima hat sich radikal verändert und viele Bewohner sind längst weggezogen. Geschäfte gibt es schon lange nicht mehr. Sie versucht, in einem nahen Küstenort ihre eigenen Erzeugnisse gegen andere Waren eintauschen. Lunde zeichnet eine erschreckende Zukunft, von der wir vielleicht gar nicht mehr so weit weg sind, als wir denken. Im Gegensatz zu den Pferden und anderen Tieren ist der Mensch schon eine ganz besondere Art, das Zusammensein zwischen Mutter und Tochter gestaltet sich als schwierig. Der Vater ist, wie auch bei den anderen Hauptprotagonisten, abhandengekommen. Ein Leithengst, der wie bei den Tieren, seine „Familie“ beschützt, gibt es nicht. „Der Mensch ist ein besonders dummes Tier, ganz einfach. Wir können nicht weiter denken als bis zum nächsten Frühling oder bis zur nächsten Geburt. Deshalb geht alles den Bach unter.“

Und warum müssen die drei Protagonisten unbedingt Pferde retten, warum keine Tiger oder Eisbären? Die Pferde sind ein Sinnbild für die wilde, unbezähmbare Natur, die sich nicht von den Menschen bändigen lässt. Der Raubbau an den natürlichen Lebensgrundlagen der Erde und der von Menschen verursachte Klimawandel hat bisher nicht absehbare Spuren hinterlassen. „Wenn sich jeder Mensch eine Art aussuchen würde, um sie zu retten, würde unsere Welt ganz anders aussehen“, lässt Lunde die Tierärztin Karin sagen. Der bewegende Roman „Die Letzten ihrer Art“ lässt nicht nur mit Pferden und Menschen mit Bangen und Hoffen, sondern er lädt auch zum Nachdenken ein. Wie geht jeder persönlich mit der Welt um, in der wir leben, und was tun wir für ihren Erhalt?

Kurz&Knapp: Empfehlenswert. Ein bewegender Roman über den Umgang der Menschheit mit der Natur.

Maja Lunde
Die Letzten ihrer Art
Roman
Gebundenes Buch, 640 S.
btb Verlag, 2019

Auch als eBook erhältlich.

Maja Lunde wurde 1975 in Oslo geboren, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie lebt. Ihr Roman „Die Geschichte der Bienen“ wurde mit dem norwegischen Buchhändlerpreis ausgezeichnet und sorgte auch international für Furore. Zuletzt erschien der zweite Teil ihres literarischen Klimaquartetts, „Die Geschichte des Wassers“.

Ich danke btb/Random House für das Rezensionsexemplar.