Die Buch-Rezension „Gehen, ohne je den Gipfel zu besteigen“ von Paolo Cognetti

Gehen, ohne je den Gipfel zu besteigen, Quelle: Penguin

Erhebt der Wanderer sich weit über den Alltag, begegnet er einer ganz anderen Welt. In seinem Buch „Gehen, ohne je den Gipfel zu besteigen“ taucht Paolo Cognetti bei einer Wanderung mit Freunden tief in die raue Natur der Bergwelt Nepals ein.

Anlässlich seines 40. Geburtstages begibt sich Paolo Cognetti mit zwei Freunden auf eine Wanderung nach Dolpo, einer abgelegenen, schwer zugänglichen Region in Nepal. Schon als Junge träumte er von den kargen Bergen des Himalayas. „Gab es noch irgendwo authentische Berge, unberührt vom Kolonialismus der Stadt, unversehrt in ihrem Berg-Sein?“ Eine Wanderung in dieser Region gleicht aber keiner alltäglichen, um Hunderte von Kilometern zwischen menschenleeren Bergen zurückzulegen, ist eine ganze Expedition notwendig.

Auf einsamen Wegen

In einem Oktober brechen 22 Menschen und 25 Maultiere auf. Auch wenn er keine Gipfel besteigen möchte, die beschwerliche Wanderung führte Cognetti auf 3500-5000 m hohe Pässe. Eigentlich bekommt ihm die Höhe nicht, sein Magen ist ein gnadenloser Höhenmesser. „Was blieb, war ein Gefühl eines qualvollen Eroberungszuges.“ Jahrelang kämpfte er dagegen an, schließlich arrangierte er sich. „Ruhe war der Schlüssel zu allem, das eigentliche Gegenteil von Angst.“ Detailliert beschreibt er den langsamen Aufstieg in Gegenden, wo es weder befestigte Straßen noch funktionierende Handys gibt.

Am Wegesrand bewundert er rauschende Wildbäche, grüne Täler und steinige Berghänge, Frauen bei der Ernte, Blauschafe und Yaks. Ihr Weg führt sie zu Shey Gompa, ein altes Kloster am Fuß des Kristallberges. „Wir waren den ganzen Tag gegangen, ohne auch nur einen Menschen begegnet zu sein, und spürten, dass wir uns in eine Welt unbekannter Dimensionen vorwagten.“ Cognetti wandelt auch den Spuren von Peter Matthiessen, der in seinem Buch „Auf der Spur des Schneeleoparden“ beschreibt er seine Reiseeindrücke über das Hochland. Cognetti stellt fest, dass sich in 40 Jahren kaum etwas verändert hat. Und fast scheint es so, als sei der Geist Matthiessens auf Wanderung mit dabei.

Eintauchen in die Bergwelt

Das Buch „Gehen, ohne je den Gipfel zu besteigen“ ist eine Hommage an die schwer zugänglichen und wilden Bergregionen in Nepal und ihre besondere Atmosphäre. Gognetti beschreibt seine Wanderung so bewegend, dass der Leser selbst in die Landschaft eintaucht und die Mühen der Höhenmeter und die Schönheit der Berge selbst mit erleben kann. Abgerundet werden seine Schilderungen durch kleine Skizzen, die er während der Reise anfertigte.
Berührend sind auch die Begegnungen mit den wenigen Bewohnern der Bergregion. Sie führen ein einfaches, recht mühsames Leben inmitten der überwältigenden Natur. Die Zeit scheint hier eine ganz andere Dimension zu haben als in der westlichen Welt. So berichtet eine Dorfschullehrerin, dass sie allein vier Tage zu Fuß braucht, um den Bus zu nehmen und drei um Verwandte begrüßen zu können.

„Gehen, ohne je den Gipfel zu besteigen“ ist ein kleines Büchlein über eine Wanderung in der einsamen Bergwelt des Himalajas, eine Wanderung, um das eigene Leben zu überdenken, um eine andere Perspektive zu entdecken. „Gehen war unsere tägliche Mission, unser Zeit- und Raummaß, unsere Art zu denken…“: Das Wandern in der kargen Bergregion reduziert das Leben auf das Wesentliche, auf Gehen, Essen, Schlafen und Unterhaltungen. „Erst, wenn wir irgendwo haltmachten, kehrten die Bedürfnisse, Sehnsüchte und Ziele zurück – Löcher, die man stopfen möchte.“

Kurz&Knapp: Empfehlenswert. Ein bewegendes Buch über die Erhabenheit und Kraft der Berge.

Paolo Cognetti
Gehen, ohne je den Gipfel zu besteigen
Gebundenes Buch, 128 S.
Penguin Verlag, 2019

Paolo Cognetti, 1978 in Mailand geboren, verbringt die Sommermonate am liebsten in seiner Hütte im Aostatal auf 2000 Metern Höhe. Er hat Mathematik studiert, einen Abschluss an der Filmhochschule gemacht und Dokumentarfilme produziert, bevor er sich ganz dem Schreiben zuwandte. Auf Italienisch sind von ihm schon Erzählbände und zwei Romane veröffentlicht worden. „Acht Berge“ erhielt u.a. den renommiertesten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega, erscheint in 40 Ländern und hat sich weltweit rund 700.000-mal verkauft.

Ich danke Penguin/Radom House für das Rezensionsexemplar.