Die Roman-Rezension „Haarmann“ vom Dirk Kurbjuweit


In dem Kriminalroman „Haarmann“ geht es um mehr, als nur um die Untaten eines berühmten historischen Serienmörders. Dirk Kurbjuweit zeichnet ein eindringliches Psychogramm des Ermittlers Robert Lahnstein in den Wirren der jungen Weimarer Republik.

Einer der bekanntesten Kriminalfälle der deutschen Geschichte ereignete sich im Hannover der 1920er Jahre. Der berüchtigtsten Serienmörder Fritz Haarmann trieb in den Gassen der Altstadt rund um den Hauptbahnhof sein Unwesen. Er tötete mindestens 24 Jungen und junge Männer im Alter von zehn bis 22 Jahren. In seinem Roman „Haarmann“ lenkt Kurbjuweit den Blick nicht so sehr auf den „Lustmörder“ und seine Taten, sondern auf die komplizierten Ermittlungen der Polizei in unsicheren Zeiten.

Kommissar Robert Lahnstein, der aus dem Ruhrpott nach Hannover kommt, übernimmt anfangs den Fall von 10 vermissten Jungen. Wo sind sie abgeblieben? Tote wurden bisher keine gefunden. Lahnstein ermittelt, doch es findet sich keine konkrete Spur. „Niemand wollte die Wahrheit sagen, weil alle Angst hatten, als schwul zu gelten und deshalb mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, verachtet zu werden.“ Er hofft, das keine neuen Fälle hinzukommen, doch vergeblich. Lahnstein steht außerdem vor einer Vielzahl vor Problemen, mit denen er alleine klarkommen muss. Nicht nur das Schicksal der Vermissten und das Katz- und Mausspiel mit dem möglichen Täter machen ihm zu schaffen, sondern auch seine eigene Vergangenheit, die politischen Umstände und die zweifelhaften Machenschaften seiner Kollegen.

In den Fall kommt Bewegung als Lahnstein von seiner Vermieterin von Gerüchten erfährt, die einen Verkäufer von Kleidung und Fleisch in Verdacht bringen. „Der Haarmann steht auf Jungs, und die verschwinden bei ihm“.

Die Nöte des Ermittlers

Kurbjuweit nimmt den historischen Kriminalfall als Aufhänger, um ein vielschichtiges psychologisches Bild der jungen Weimarer Republik zu zeichnen. In den Mittelpunkt seiner Handlung stellt er den ermittelnden Kommissar Robert Lahnstein und zeichnet ein eindringliches Bild von der düsteren Seite der Goldenen Zwanziger Jahre.

Lahnstein selbst vom Krieg und seinen Auswirkungen traumatisiert, registriert die Korruption, Vertuschung und Ränke, die in den Wirren der Nachkriegsjahre, die um ihn herum an der Tagesordnung sind. Die Gesellschaft ist zerrissen, viele glauben nicht, dass Staat und Polizei sie vor Verbrechen schützen kann. Die Welt ist aus den Fugen geraten, die tiefen Wunden des 1. Weltkrieges sind längst nicht geheilt und über dem Land breitet sich der braune Schatten immer mehr aus. Viele einfache Leute kämpfen einfach nur ums Überleben. Es gibt massenhaft Prostitution und Homosexualität stand in der Weimarer Republik unter Strafe.

Nicht zuletzt ist sich Lahnstein auch der politischen Dimension seiner Arbeit bewusst. Er braucht ein Geständnis und muss sich der moralischen Frage stellen, ob Folter da vertretbar ist? Er soll nicht nur den Fall lösen, damit das Morden ein Ende hat, sondern obendrein noch die junge Demokratie gegen die Feinde der Republik verteidigen. Der Roman „Haarmann“ beleuchtet die historischen Hintergründe der jungen Weimarer Republik und zeigt deutlich auf, was sich aus der Geschichte lernen lässt. Kurbjuweit erzählt die Ermittlungsgeschichte um den Serienmörder Haarmann in einem nüchternen und eindringlichen Erzählstil, der die Nöte des Ermittlers und die Grauen der Verbrechen besonders betont.

Kurz&Knapp: Empfehlenswert. Ein eindringlicher Kriminalroman über Serienmörder Haarmann und seine Zeit, der nachdenklich stimmt.

Dirk Kurbjuweit
Haarmann
Kriminalroman
Gebundenes Buch, 320 S.
Penguin Verlag, 2020

Dirk Kurbjuweit, geboren 1962 in Wiesbaden, zählt zu den vielseitigsten und produktivsten Autoren unserer Gegenwart. Als Zeit- und Spiegel-Reporter einer breiten Leserschaft bekannt, überzeugte er schon früh als Erzähler. Etliche seiner literarischen Erfolge dienten als Vorlage für Verfilmungen, Theaterstücke und Hörspiele.

Ich danke dem Penguin Verlag/Random House für das Rezensionsexemplar.