Die Roman-Rezension „Die Detektive vom Bhoot-Basar“ von Deepa Anappar

Die Detektive vom Bhoot Basar. Quelle: Rowohlt

Der Debüt-Roman „Die Detektive vom Bhoot-Basar“ von Deepa Anappar taucht tief in das Leben in einem indischen Armenviertel ein. Aus Sicht des jungen Jai erzählt die indische Autorin von alltäglichen Freuden und Nöten und von der Suche nach vermissten Kindern.

Der neunjährige Jai lebt zusammen mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester Runu in einem indischen Basti, einer illegalen Siedlung am Rand einer Großstadt. Sie gehören nicht zu den Ärmsten der Armen, leben aber trotzdem in sehr einfachen und bescheidenen Verhältnissen. Sein Vater ist Bauarbeiter und seine Mutter arbeitet als Dienstmädchen in der angrenzenden Hochhaussiedlung der Reichen. Der wichtigste Besitz der Familie ist für Jai natürlich der Fernseher. Er schwärmt für Kriminalsendungen, wie Police Patrol und Live Crime und seine Helden sind die Detektive. Eines Tages verschwindet plötzlich ein Klassenkamerad von Jai und bald folgen weitere Vermisste. Die Eltern können sich den Verbleib ihrer Kinder nicht erklären und die Polizei sieht tatenlos zu. Jai beschließt, sich gemeinsam mit seinen gleichaltrigen Freunden Pari und Faiz auf die Suche nach den verschwundenen Kindern durch die verwinkelten Gassen des Bhoot-Basar zu machen. Bei ihren Erkundungen dehnen sie ihre Streifzüge auch auf die indische Großstadt aus, wo sie noch nie waren und finden erste Hinweise.

Drei kleine Detektive

Jai ist ein aufgeweckter Junge voller Fantasie und Wagemut, auch wenn er nicht der Meisterdetektiv ist, der er gerne wäre. Manchmal ist er richtig neidisch auf seine Freundin Pari, die klüger ist und es ihn auch wissen lässt. Faiz dagegen hat als Muslim im Viertel keinen leichten Stand hat, nimmt aber vieles mit Humor. Die liebenswerten jungen Detektive erleben allerlei Abenteuer, nicht nur bei der Suche nach den verschwundenen Kindern, sondern auch im Alltag ihres Familienlebens und in der Schule.

In ihrem Debütroman „Die Detektive vom Bhoot-Basar“ nimmt sich dem Schicksal der vielen Kinder an, die am Rande der Großstädte in ärmlichen Verhältnissen aufwachsen. Auf besondere Weise thematisiert sie, dass in Indien viele Kinder spurlos verschwinden. Allein im Jahr 2011 wurden laut offiziellen Statistiken fast 100.000 Jungen und Mädchen als vermisst gemeldet. Viele werden entführt und ihnen droht ein schlimmes Schicksal, wie Zwangsarbeit, Prostitution sowie Menschen- und Organhandel.

Durch Kinderaugen betrachtet

Durch einen literarischen Kniff gelingt es aber der Autorin, das Leben in einem Basti und das Schicksal der Kinder trotz aller Tragik unterhaltsam und sehr amüsant darzustellen. Sie erzählt die Geschichte aus der Ich-Perspektive des heranwachsenden Jai, der unvoreingenommen und kindlich-naiv sein Umfeld wahrnimmt. Das Leben in einem Basti mit seinen exotischen Geräuschen, Gerüchen und Farben ist trotz der Widrigkeiten und seiner Entbehrungen sehr lebendig und der soziale Zusammenhalt bei den Bewohnern groß. Die indische Autorin thematisiert aber nicht nur das Schicksal der vielen vermissten Kinder, sondern auch die deutlichen Gegensätze zwischen Arm und Reich, den Smog, religiöse Spannungen zwischen Hindus und Moslems, Kriminalität, Missbrauch, Ausbeutung, Korruption und Ungerechtigkeit.

Deepa Anappars Debüt ist ein zutiefst sozialkritischer Roman, der aber nie den mahnenden Zeigefinger erhebt, sondern vor Lebendigkeit nur so strotzt. Er zeichnet ein authentisches und buntes Bild vom Leben in einem indischen Armenviertel und seinen Herausforderungen besonders für Kinder.

Kurz&Knapp: Empfehlenswert. Ein unterhaltsamer Roman über das Leben in einem indischen Armenviertel und der Suche nach vermissten Kindern.

Deepa Anappar
Die Detektive vom Bhoot-Basar
Gebundenes Buch, 400 S.
Rowohlt Buchverlag, 2020

Deepa Anappara wuchs im südindischen Kerala auf und arbeitete in Delhi und Mumbai als Journalistin, bevor sie an der University of East Anglia im englischen Norwich Creative Writing studierte. Für ihre Arbeiten zu den Auswirkungen von Armut und religiöser Gewalt auf die kindliche Entwicklung erhielt sie mehrere Preise und Auszeichnungen. «Die Detektive vom Bhoot-Basar», ihr erster Roman, wurde bislang in 16 Sprachen übersetzt und unter anderem mit dem Bridport/Peggy Chapman-Andrews Award, dem Lucy Cavendish Fiction Prize und dem Deborah Rogers Foundation Writers Award ausgezeichnet. Deepa Anappara lebt in der englischen Grafschaft Essex.

Ich danke Rowohlt Buchverlag für das Rezensionsexemplar.